Eric Bergkraut (l.) im Gespräch mit Zorbas-Wirt Polychronis Manolakis.

«Gasthaus Helvetia» III

«Diese grosse Freiheit
ist ein Problem»

Magazin, 4. September 2012, Simon Spiegel

Seit Anfang Jahr dreht Eric Bergkraut, der Gewinner des zweiten CH-Dokfilm-Wettbewerbs des Migros-Kulturprozent, an seinem Film «Gasthaus Helvetia». Der Film, der vier Schweizer Beizen porträtiert, ist für den Regisseur eine ungewohnte Herausforderung.

«Das wäre auch noch ein guter Schauplatz für meinen Film.» Eric Bergkraut zeigt auf die improvisiert wirkende Küche, in der zwei schweissüberströmte Frauen Essen zubereiten. Eigentlich ist das Zorbas mitten im Zürcher Industriequartier Binz ein Lebensmittelgrossist. Man kann hier Wein, Käse, Olivenöl und andere griechische Spezialitäten kaufen, im Hintergrund ist durch eine angelehnte Tür das Lager zu sehen. Doch über Mittag verpflegt man hier die Belegschaft der umliegenden Büros. Während die beiden Köchinnen versuchen, mit den Bestellungen Schritt zu halten, sieht Patron Polychronis Manolakis seine Aufgabe vor allem darin, die Leute zu unterhalten. Am Herd steht er nie. Stattdessen begrüsst er Bergkraut lachend, der Filmemacher ist nicht zum ersten Mal bei ihm zu Gast. Für dessen Wunsch, beim griechischen Salat auf das Fertigdressing zu verzichten – «Ihr Olivenöl ist doch so gut!» –, hat er allerdings wenig Verständnis.

Später, beim Salat, der tatsächlich nur mit Essig und Öl angemacht ist, spricht der Regisseur über sein Projekt «Gasthaus Helvetia», mit dem er den zweiten CH-Dokfilm-Wettbewerb des Migros-Kulturprozent gewonnen hat. Im Grunde gibt es kaum einen besseren Ort als das Zorbas, um über den Film zu sprechen, denn um Beizen, um vier Gaststätten mit einem jeweils eigenen Charakter, geht es in «Gasthaus Helvetia». Seit Anfang Jahr ist Bergkraut mit seinem Team am Drehen, und obwohl noch einige Aufnahmen anstehen, hat er bereits mit dem Schnitt begonnen.

So offen wie selten
Insgesamt fünf Wochen lang haben er und seine Cutterin Vendula Roudnicka mittlerweile an dem Material gearbeitet – in Blöcken. Dies ist eine ungewohnte Arbeitsweise für den gestandenen Dokumentarfilmer, aber sie bewährt sich. Überhaupt ist an «Gasthaus Helvetia» vieles anders als bei früheren Filmen, das Ergebnis ist so offen wie selten. Vier Beizen in vier unterschiedlichen Landesteilen werden über das Jahr hinweg begleitet, im Ablauf soll daraus dann ein einziger Tag werden. Er beginnt am Morgen mit dem Öffnen der Gaststätte und endet am Abend, wenn der letzte Gast gegangen ist. So weit so klar sind die Vorgaben. Doch was aus dieser Anlage entstehen wird, ist keineswegs absehbar.

Normalerweise arbeite er viel gezielter, sagt Bergkraut. Jetzt gleiche die Arbeit eher einem Blindflug. Für den Regisseur mag das eine Belastung darstellen, aber im Grunde entspricht es dem Wettbewerbsthema des Migros-Kulturprozent: «Freiheit – eine Herausforderung». «Diese grosse Freiheit ist für mich ungewohnt und immer noch ein Problem», erklärt Bergkraut. «Ich habe bei diesem Projekt durchaus schon Momente der Verzweiflung erlebt, weil alles so offen ist.» Momentan sei er aber nicht verzweifelt. Vor dem Essen hat er zwei geschnittene Passagen des Films vorgeführt, mit denen er bereits ziemlich zufrieden ist. Nichts davon sei fertig, betont er, das Material müsse weiter verdichtet werden; dennoch gewinnt man einen Eindruck, wie der Film dereinst aussehen könnte.

Jeden Tag da
Da ist einerseits das Atrio, der Italiener im Zürcher Hauptbahnhof, eines der belebtesten Restaurants der Schweiz. Hier trifft man auf ganz unterschiedliche Menschen: eine Frau von undefinierbarem Alter, die zuerst gar nichts sagen will, weil ihr Mann – ihr Ex-Mann, wie sie korrigiert – furchtbar eifersüchtig sei. Daneben ein elegant gekleideter, ziemlich aufdringlicher Herr, der einer Dame am Nebentisch erklärt, dass er jeden Tag hier sei, was diese mit einem ratlosen Lächeln quittiert. «Der ist in der Tat jeden Tag da», bestätigt Bergkraut. Wahrscheinlich werde er zu einer der Hauptfiguren im Atrio. «Ich brauche Figuren, die den Zuschauer durch den Film führen. Wir wechseln so oft den Schauplatz, da müssen die einzelnen Szenen kompakt erzählt werden. Und dazu braucht es Identifikationsfiguren.»

Im Falle des Atrio ist noch nicht entschieden, wer zum Protagonisten avancieren wird. Bei der Hundwiler Höhi stand das dagegen von Anfang an fest. Die Wirtin, die 73-jährige Marlies Schoch, ist ein Original und weit über das Appenzell hinaus bekannt. Schoch war die erste Frau im Kantonsparlament, setzte sich für Frauenrechte ein, war als Helferin in Afrika tätig und wirtet seit über 40 Jahren in der Beiz oberhalb von Hundwil im Appenzeller Hinterland. «Marlies Schoch würde genug Stoff für einen ganzen Film hergeben. Bei ihr besteht vielmehr die Gefahr, dass das Ganze zu einem Porträtfilm wird. Ihr muss ich etwas entgegen halten», sagt Bergkraut. So beginnt die Sequenz, die der Filmemacher vorführt, denn auch nicht mit Schoch, sondern mit Yaslan, einem 14-jährigen Äthiopier, der nach diversen Problemen in Heimen für einige Monate in der Hundwiler Höhi arbeitet. Er mache sich ganz gut, meint die Wirtin, er werde jeden Tag ein bisschen mehr zum Appenzeller. Kaum hat sie das gesagt, folgt ein Schnitt und man sieht Schoch im Gespräch mit einem prominenten Gast: Alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz ist regelmässig hier anzutreffen. Ungewohnt entspannt erzählt Merz, wie gut es ihm gehe. Auch wenn er es nicht direkt ausspricht, der Zeit als Bundesrat scheint er nicht hinterher zu trauern. «Siehst gut aus», meint Schoch. «Gell», ruft Merz und strahlt übers ganze Gesicht.

Das Lokal im Niemandsland
Beim Kaffee spricht Bergkraut mit grosser Freude über diese Sequenz. «Das wird auf jeden Fall im Film bleiben. Man sieht hier, dass Marlies Schoch eine echte Patronin ist. Sie geht mit Merz genau gleich um wie mit diesem 14-jährigen Sorgenkind.» Vieles andere ist noch unentschieden. Wird es einen Offkommentar geben? Sollen die Fragen Bergkrauts bei den Gesprächen zu hören sein? «Im traditionellen Schweizer Dokumentarfilm verschwindet der Autor völlig, ich bin da undogmatisch. Wenn es nötig ist, werde ich im Film präsent sein.» Nötig werden könnte es, weil Bergkraut gerne noch einen weiteren Schauplatz hineinnehmen würde. Ein Lokal namens Transit, geführt von Jungen, angesiedelt in Altstetten zwischen Bahngeleisen, Werkstattcontainern, Asylunterkunft und den künftigen Verrichtungsboxen. «Es ist eine Beiz an einem Unort – mitten in Zürich. Ein Niemandsland mit einer ganz eigenen Poesie.» Allerdings vertrage der Film keinen fünften Schauplatz, der gleichberechtigt neben den anderen stehe. «Das Transit müsste als Exkurs im Film sein, und mit einem Offkommentar könnte ich das schön einleiten.»

Bergkraut sieht «Gasthaus Helvetia» als eine Reise in die Provinz, in eine Schweiz, die es schon fast nicht mehr gibt: «Im besten Fall gelingt mir eine Art moderner Heimatfilm.» Doch rasch relativiert er die Aussage: «Es geht nicht um ‹Swissness›; dieser Trend geht mir mittlerweile gehörig auf die Nerven. Das ist zur Masche geworden. Über die hinterletzte Musikkapelle wird heute noch ein Film gedreht.» «Gasthaus Helvetia» solle nicht sentimental werden, und es dürfe auch nicht jede Szene auf eine Pointe ausgerichtet sein. «Geplaudere gehört zu einer Beiz dazu, da passiert nicht immer etwas. Wenn es Pointen gibt, dann die, welche das Leben selbst macht.»

Plaudern gehört auch für Polychronis Manolakis zu einer Beiz dazu. Beim Verlassen verwickelt er Bergkraut in ein Gespräch. Und als hätte er dessen Gedanken erraten, meint er: «Drehen Sie doch mal einen Film über mich.» Bergkraut lächelt. Wer weiss, vielleicht nimmt er sich ja die Freiheit und baut den Griechen aus der Binz auch noch in seinen Film ein.

Dieser Beitrag ist Teil III unserer Serie über die Entstehung von «Gasthaus Helvetia». Bisher erschienen:

Eric Bergkrauts Produktionsfirma
Der CH-Dokfilm-Wettbewerb
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