Fred & Sam Guillaume

«In der Schweiz hat man Mühe mit Misserfolgen»

Magazin, 11. September 2012, Fred Guillaume im Gespräch mit Simon Spiegel

Am Animationsfilmfestival Fantoche in Baden feierte der Kurzfilm «La nuit de l'ours» von Fred und Sam Guillaume Weltpremiere. Das jüngste Werk der beiden Zwillingsbrüder wurde vom Migros-Kulturprozent im Rahmen der Postproduktionsförderung unterstützt. Im Interview spricht Fred Guillaume über das neue Werk und erklärt, welche Lehren er und sein Bruder aus ihrem grössten Misserfolg gezogen haben.

Ausserhalb von Insider-Kreisen dürfte kaum jemand ihre Namen kennen, dabei haben Fred und Sam Guillaume bereits Filmgeschichte geschrieben: «Max & Co» (2007), ihr erster und bislang einziger Kinofilm, ist die mit Abstand teuerste Filmproduktion, die in der Schweiz je realisiert worden ist. Rund 30 Millionen Franken hat der Animationsfilm damals verschlungen. Trotz dieses grossen Aufwands blieb das Publikum aus; lediglich 30‘000 Zuschauer interessierten sich für die Abenteuer des jungen Fuchses Max. Ein krachender Misserfolg, der mehrere Konkurse nach sich zog.

Mittlerweile scheinen die beiden Zwillinge ihren Flop verkraftet zu haben. Fred Guillaume wirkt jedenfalls äusserst aufgeräumt, als wir ihn am Fantoche in Baden zum Gespräch treffen. Und sehr beschäftigt: Gerade eben haben die beiden in Fribourg ihr Projekt «Jolieville» präsentiert, das mit dem Grand Prix culturel Migros Neuchâtel-Fribourg ausgezeichnet und mit 50‘000 Franken unterstützt wurde. Die in 3D gedrehten Kurzfilme können ausschliesslich in Schaukästen im öffentlichen Raum betrachtet werden. Andere Veröffentlichungen, zum Beispiel auf DVD oder online, wird es nicht geben. «Anti-YouTube» nennt das Guillaume. 3D – genauer: stereoskopischer Film – ist ein Thema, das die beiden 36-Jährigen schon länger beschäftigt. Sie haben es in einem gemeinsamen Projekt mit der Lausanner Kunsthochschule ECAL intensiv erforscht, sind allerdings skeptisch, was die Möglichkeiten betrifft. Letztlich sei 3D nur bei sehr speziellen Vorhaben sinnvoll, meistens bringe es bloss zusätzliche Schwierigkeiten ohne echten Gewinn.

Am Fantoche in Baden bleibt Fred Guillaume nur eine Nacht. Tags darauf muss er weiter für eine Besprechung zu «Les Bidules de Jules», einer Serie für Fernsehen TSR. Ein neuer Langfilm, «Les fables de l'humpur», ist ebenfalls in Vorbereitung. Den Abstecher nach Baden hat Guillaume gemacht, um «La nuit de l'ours» zu präsentieren. Der 23-minütige Kurzfilm, der vom Migros-Kulturprozent eine Postproduktionsförderung erhalten hat, zeigt ein buntes Ensemble von Figuren, die sich nach dem Eindunkeln in einem Nachtasyl wiederfinden, welches eine wenig gesprächige Bärendame betreibt. Der Fuchs im smarten Business-Anzug sitzt Seite an Seite mit einem heruntergekommenen Alkoholiker, einem durchgeknallten Esoterik-Vogel und einem verschrobenen Erfinder. Alle erzählen sie aus ihrem Leben, von ihren Schicksalsschlägen. Der nicht ganz unerwartete Clou: Alles, was im Film zu hören war, ist echt. Fred und Sam Guillaume haben vier Jahre lang die Notaufnahme La Tuile in Fribourg besucht und dort die Gesprächselemente gesammelt, die schliesslich Eingang in den Film gefunden haben.

Fred Guillaume, wie oft haben Sie die Formulierung «teuerster Schweizer Film aller Zeiten» nun gehört?
Hunderte Male; ich zähle es schon lange nicht mehr. Anfangs nervte es mich, dass alle nur darüber geschrieben haben. Wir hätten lieber über andere Dinge gesprochen. Aber die Presse sucht immer einen Aufhänger, und das Teuerste von Irgendetwas interessiert nun mal. Heute habe ich damit keine Schwierigkeiten mehr. Es stimmt ja – es ist der teuerste Schweizer Film. Aber im Grunde sagt das gar nichts.

«Max & Co» war Ihr erster Kinofilm, hergestellt im äusserst aufwendigen Stop-Motion-Verfahren. Es war zudem eine internationale Koproduktion mit einem Team in England. Wenn Sie zurückblicken: War es ein Fehler, den Film zu machen? Würden Sie sich heute anders entscheiden?
Was viele Leute nicht verstehen, ist, dass man als Regisseur nicht einfach eines Tages beschliesst, einen 30-Millionen-Film zu drehen. So läuft das nicht. Am Anfang steht nie eine Entscheidung, sondern ein Traum, ein Bedürfnis, und dann schaut man, wie viel Geld man auftreiben kann. Im Falle von «Max & Co» war es weitaus mehr, als wir erwartet hatten. So konnten wir den Film mit sehr erfahrenen Leuten produzieren, was grossartig war. Natürlich würden wir heute vieles anders machen. Aber das ist normal. Wir machen auch heute noch Fehler, aber das gehört einfach zum Prozess.

Was war die wichtigste Lektion aus «Max & Co»?
Eine positive Erfahrung war, dass wir der Welt bewiesen haben, dass ein solcher Film in der Schweiz realisiert werden kann. Das gibt uns eine gewisse Sicherheit. Aber die wichtigste Lektion war wohl, dass es gefährlich ist, sich auf ein einziges Projekt zu konzentrieren, weil dann jede Entscheidung zu einer Frage von Leben und Tod wird. Zudem verliert man die kritische Distanz zum eigenen Schaffen. Momentan sind wir an fünf bis sechs Projekten gleichzeitig dran und alle sind unterschiedlich weit fortgeschritten. Wenn es bei einem vorwärts geht, arbeiten wir an diesem, und es ist nicht tragisch, wenn ein anderer Film ins Stocken gerät. So arbeiten wir seit rund fünf Jahren an unserem neuen Kinofilm «Les fables de l'humpur», ganz ohne Zeitdruck. Es dauert so lange wie nötig.

Das ist eine überraschende Einsicht. Ist man bei einem Projekt von der Grösse von «Max & Co» nicht komplett absorbiert, so dass keine Zeit für anderes bleibt?
Ja und nein. Wenn man am Drehen ist, hat man in der Tat für nichts anderes mehr Zeit und Energie. Aber bis dahin vergehen Monate, in denen nichts geschieht. Man wartet nur auf Entscheidungen. Die Produktion von «Max & Co.» dauerte fünf Jahre, davon waren lediglich neun Monate effektive Drehzeit. Bei kleinen Projekten ist es nicht anders. Nachdem wir den Pilotfilm zu «Les Bidules de Jules» gedreht hatten, mussten wir beispielsweise ein Jahr lang warten, bis wir vom Sender TSR die definitive Zusage für die Serie bekommen haben.

Früher produzierten Sie auch Werbung.
Wir hatten vor «Max & Co» eine eigene Firma und machten viel Werbung und Corporate-Filme. Aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir dafür die Richtigen waren. Wir hatte nie wirklich Freude daran. Deshalb haben wir uns entschieden, nur noch zu zweit zu arbeiten und unsere eigenen Ideen zu verwirklichen. Interessanterweise macht das die Arbeit nicht schwieriger. Sie wird sogar einfacher, weil man seinen eigenen Vorhaben vertraut. Man muss niemandem etwas vormachen, und die Leute spüren das.

Sie klingen zufrieden mit Ihrer Situation.
Wir waren immer zufrieden! In der Schweiz hat man Mühe, mit Misserfolgen umzugehen. Eine Pleite bedeutet hier gleich das Ende von allem. Aber die Filmbranche funktioniert anders: Manchmal klappt es besser, manchmal weniger gut. Das ist normal.

Sie verwenden in Ihren Filmen unterschiedliche Techniken. «Max & Co.» war eine Stop-Motion-Animation, «Jolieville» besteht aus stereoskopischen Realfilmen, in «La nuit de l'ours» kommt die digitale Cut-Out-Animation zum Einsatz. Wie entscheiden Sie, welches Verfahren Sie einsetzen wollen?
Zwei Faktoren sind entscheidend: die Story und das Budget. Ein Stop-Motion-Film in der Länge von «La nuit de l'ours» wäre sehr teuer. Cut-Out-Animation ist kostengünstiger und bietet zudem die Möglichkeit, dass man Dinge nachträglich verändern kann. Bei einer Stop-Motion-Animation gibt es einen Drehdurchgang und fertig, bei der digitalen Cut-Out-Animation kann man mit einer Skizze beginnen und sich dem Ergebnis langsam annähern. Man geht nicht geradewegs von A nach B, sondern entwickelt die Dinge organisch.

In «La nuit de l'ours» verarbeiten Sie Interviews aus einer Notschlafstelle. Hatten Sie da eine fertige Geschichte, in die Sie die Gesprächselemente lediglich einbauen mussten, oder entstand der Plot aus den Gesprächen?
Den grundlegenden Rahmen hatten wir festgelegt, vieles entstand aber aus den Interviews. So hatten wir von Anfang an eine Partyszene geplant, wussten aber nicht, wie wir sie beginnen sollten. Dann trafen wir diesen Mann, einen Erfinder, der eine Solar-Orgel gebaut hatte. Diese verrückte Maschine, die man im Film sieht, gibt es tatsächlich und sie bot den idealen Übergang zur Party. Mit der Zeit lernt man auch, welche Geschichten man an einem solchen Ort zu hören bekommt. Ich war während mehr als vier Jahren einmal im Monat in La Tuile. Das war auch nötig: Man kann nicht einfach in einer Notschlafstelle aufkreuzen und von den Leuten verlangen, dass sie etwas über sich erzählen. Mit der Zeit merken die Leute aber, dass man dazu gehört und sie einem vertrauen können.

Animierte Dokumentarfilme sind schon länger im Trend, etwa «Persepolis» oder «Waltz with Bashir». Worin bestand für Sie der Reiz, authentische Statements mit den grenzenlosen Möglichkeiten des Animationsfilms zu mischen?
Das Verfahren gibt uns die Möglichkeit, Menschen zu Wort kommen zu lassen, ohne ihre Gesichter zeigen zu müssen. Unsere Protagonisten wollten verständlicherweise anonym bleiben. Bei manchen weiss nicht einmal ihr Umfeld, dass sie obdachlos sind. Für uns war deshalb von Anfang an klar, dass wir nicht mit einer Kamera vor Ort sein können. Die meisten dieser Menschen werden von der Gesellschaft nicht wahrgenommen oder sogar verachtet, ihre einzigen Gesprächspartner sind Sozialarbeiter. Wir wollten ihnen die Möglichkeit geben, zu Wort zu kommen. Wir zeigen, dass es ganz normale Leute sind, die oft nur vorübergehend in dieser speziellen Situation leben müssen.

«La nuit de l’ours» lief am Fantoche im Schweizer Wettbewerb und wurde dort mit dem Hauptreis sowie mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

www.cine3d.ch

(die Website von Fred & Sam Guillaume)

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