CH-Dokfilm

Ein typisches Stück Schweiz

Magazin, 17. Dezember 2010, Simon Spiegel

Simon Baumann ist einer von fünf Filmemachern, die im Rahmen des Wettbewerbs CH-Dokfilm des Migros-Kulturprozent die Möglichkeit erhalten haben, ein Filmprojekt bis zur Produktionsreife zu entwickeln: «Zum Beispiel Suberg» erzählt die Geschichte seines Heimatdorfs.

Es ist ein nasser, grauer Novembernachmittag und das Dörflein Suberg im Kanton Bern sieht alles andere als einladend aus. Simon Baumann wartet an der S-Bahn-Station und nimmt den Besucher dann gleich mit zu einer kurzen – einer sehr kurzen – Dorfrundfahrt. Denn viel zu sehen gibt es hier nicht; im Grunde kann Baumann nur zeigen, was es in Suberg heute nicht mehr gibt. «Hier war einmal der Dorfkern», erklärt er und zeigt von einer Anhöhe auf die Hauptstrasse hinunter. Früher gab es hier einen Kiesweg, den die Bauern am Sonntag gemeinsam fegten, heute brausen die Autos zwischen den Häusern hindurch. Und genau so wenig, wie es einen echten Dorfkern gibt, hat es in Suberg eine Kirche oder einen Dorfladen.

Suberg, ein auseinanderfallendes Dorf – aber keineswegs ein sterbender Ort. Im Gegenteil: Es wird fleissig gebaut. Junge Familien, die von der Nähe zur Stadt profitieren wollen, ziehen hierher – in ihr Häuslein auf dem Land. Am Dorfleben beteiligen sich die «Städter» allerdings kaum: Aus dem Bauerndorf ist ein Schlafdorf geworden. Damit steht Suberg in Baumanns Augen prototypisch für eine landesweite Entwicklung. «Der Ort verkörpert vieles, was ich an der Schweiz stossend finde. Die Häuslein-Schweiz, in der sich jeder einmauert. Die zunehmende Vereinzelung und das rücksichtslose Agieren der Menschen im Namen der Gewinnmaximierung.» Deshalb trägt das Dokumentarfilmprojekt, das der 32-jährige Filmemacher im Rahmen des CH-Dokfilm-Wettbewerbs des Migros-Kulturprozent entwickelt, auch den Titel «Zum Beispiel Suberg».

Nie wirklich zu Hause
Dass Baumann ausgerechnet den kleinen Flecken im Kanton Bern als Sujet seines Films gewählt hat, ist natürlich kein Zufall. Baumann ist in Suberg aufgewachsen und lebt heute, nach einer Medienkunstausbildung in Bern, wieder hier, in einer ehemaligen Ölmühle, die seinen Eltern gehört hat. Auch um diese Rückkehr soll es in seinem Film gehen; darum, wie Baumann versucht, in seinem Heimatdorf Fuss zu fassen, einem Ort, in dem er nie wirklich zu Hause war.

«Ich habe das Dorf und seine Bewohner 31 Jahre lang erfolgreich ignoriert, bin davor geflüchtet», meint Baumann später beim Kaffee. Während den Vorbereitungen des Films habe er mit Leuten, die während Jahren seine Nachbarn waren, zum ersten Mal gesprochen. Baumann selbst mag hier zwar kaum jemanden kennen, doch die Alteingesessenen wissen ganz genau, wer er ist, denn die Baumanns kennt hier jeder. Sein Vater Ruedi Baumann war Nationalrat für die Grünen und später sogar Parteipräsident; seine Mutter Stefanie war ebenfalls als Politikerin tätig, allerdings in der SP. Suberg war damals fest in der Hand der SVP; schliesslich lebte im Nachbarort Schüpfen Ruedi Minger, der legendäre Bundesrat und Gründer der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei BGB, auf den sich heute sowohl die SVP als auch die BDP berufen.

Die Geschichte einer Suche
Baumanns Eltern mögen mittlerweile in Frankreich leben, in Suberg ist man aber nach wie vor nicht gut auf sie zu sprechen. Seinem Bruder, der den Hof der Eltern übernommen hat, verkauft noch heute niemand ein Stück Land. Es sind also durchaus ambivalente Gefühle, die Baumann mit Suberg verbinden, und deshalb stand für ihn auch schon früh fest, dass sein Film stark subjektiv gefärbt sein soll. «Ich möchte keine ethnologische Studie machen, sondern die sehr persönliche Geschichte einer Suche erzählen.» Eine wichtige Rolle bei dieser Suche spielt der Männerchor, der letzte Überrest der Dorfgemeinschaft, der allerdings ebenfalls kurz vor der Auflösung steht. Baumann, der gemäss eigener Aussage nicht singen kann, wird dem Chor beitreten, um Leute kennenzulernen – und sich dabei filmen lassen. «Der Chor ist wichtig, damit das ganze Projekt für mich nicht zu bequem wird.» Sein Engagement im Chor soll verhindern, dass er es sich als Regisseur und Protagonist zu sehr in Sicherheit wiegt. «Ich hoffe, ich komme dadurch in Situationen, in denen ich die Kontrolle verliere und mich entblössen muss.»

Sein Eintritt in den Chor wird den Hauptstrang bilden, der den Film strukturiert; darin wird die Geschichte des Dorfes, Baumanns eigene Kindheit sowie die politische Karriere seiner Eltern verflochten. Das Ergebnis soll nicht didaktisch sein, sondern assoziativ und collagenhaft. «Ich möchte keinen anklagenden Film machen, der zeigt, wie die Globalisierung die Welt zerstört, sondern einen unterhaltsamen mit einer gewissen Leichtigkeit.»

www.tonundbild.ch
Simon Baumann auf der Talentplattform des Migros-Kulturprozent
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