Das Papa in Biasca ist ein Ort, wo sich das alte Biasca trifft.

CH-Dokfilm-Wettbewerb

Bühne und Zwischenbereich

Magazin, 10. November 2011, Simon Spiegel

Die Beiz als Filmstar – in Eric Bergkrauts «Gasthaus Helvetia» dreht sich alles um das Gasthaus als letztes Refugium der Freiheit. Das Projekt ist eines von dreien, das es in die zweite Runde des diesjährigen CH-Dokfilm-Wettbewerbs des Migros-Kulturprozent geschafft hat.

Man mag an vieles denken, wenn man sich im Zürcher Binz-Quartier aufhält – gemütliche Beizen assoziieren wohl nur die wenigsten mit dieser Gegend. Im Niemandsland zwischen der Allmend, dem Shopping-Tempel Sihlcity und den Wohnquartieren Enge und Wiedikon dominieren anonyme Büro- und Industriegebäude. Ausgerechnet hier hat Eric Bergkraut sein Quartier aufgeschlagen. Der 54-Jährige ist einer von drei Filmemachern, die sich in der ersten Runde des CH-Dokfilm-Wettbewerbs des Migros-Kulturprozent durchgesetzt haben. Im Zentrum seines Projekts «Gasthaus Helvetia» steht – vielleicht als Kontrastprogramm zu seiner Arbeitsumgebung – die Beiz, ein letzter Hort der Freiheit in einer immer reglementierteren Welt.

Die Idee, einen Film über Beizen auf der ganzen Welt zu machen, trage er schon eine ganze Weile mit sich herum, erklärt Bergkraut. Als dann das Migros-Kulturprozent den zweiten CH-Dokfilm-Wettbewerb ausschrieb, habe er gemerkt, dass sich diese Idee dafür ideal eigne. «Die Schweiz ist ein so vielfältiges Land, dass man den Film problemlos hier drehen kann». Vier Beizen, jede in einem anderen Landesteil, werden zusammen den Schauplatz von «Gasthaus Helvetia» bilden. Vom Atrio im Zürcher Hauptbahnhof – wohl eines der Restaurants mit der höchsten Fluktuation an Gästen überhaupt – bis zum Papa in Biasca, einem urchigen Spunten, in den sich nur ausnahmsweise mal ein Auswärtiger verirrt.

Eine Herausforderung
«Freiheit – eine Herausforderung» war das vorgegebene Thema des Wettbewerbs. Ein alles andere als einfacher inhaltlicher Rahmen, findet Bergkraut. «Ich glaube nicht, dass die Leute ins Kino kommen, um sich mit abstrakten Fragen auseinanderzusetzen. Ein Kinofilm braucht Geschichten und Figuren, mit denen man sich identifizieren kann.» Damit hat Bergkraut durchaus Erfahrung: Seine beiden Filme «Coca – Die Taube aus Tschetschenien» (2005) und «Letter to Anna» (2008) setzen sich sehr explizit mit den bürgerlichen Freiheiten in Russland und der autonomen Republik Tschetschenien auseinander, sind gleichzeitig aber auch Filme über Menschen. Dieses Mal will der Regisseur seine Figuren in den vier Beizen finden. Erste Testdrehs vor Ort stimmen ihn zuversichtlich. «Wir haben bereits sehr schönes Material», erzählt er begeistert. Eigentlich seien die bisherigen Drehtage nur als Kameratests gedacht gewesen, doch es sei gut möglich, dass einige der Aufnahmen Eingang in den fertigen Film finden. «Ich war überrascht, wie viel gescheite und witzige Dinge uns die Leute erzählt haben. Zum Beispiel ein ehemaliger Banker, der im Gasthaus Hundwiler Höhi im Kanton Appenzell über die Finanzkrise gesprochen hat.»

Bergkraut liebt Beizen, er verbringt gerne lesend Zeit in ihnen. «Allein unter Leuten», nennt er das. «Die Beiz ist ein halböffentlicher Raum, eine Art Zwischenbereich. Eine Bühne, aber dennoch ein Ort, an dem man für sich sein kann.» Nicht zuletzt schätzt er die Beiz als Ort, an dem sich Bevölkerungsschichten durchmischen. «Ich bin nicht gerne unter zu vielen ähnlichen Menschen», meint er mit einem hintersinnigen Lächeln. Den Menschen nahe zu kommen, ihr Vertrauen zu gewinnen, ist nicht einfach – besonders in einem Gasthaus, wo es oft eng ist und die Gäste eigentlich nur in Ruhe ihr Bier trinken wollen. Deshalb dreht Bergkraut auch mit einem minimalen Team. Besonders wichtig ist dabei der Kameramann Pio Corradi, ein alter Hase im Schweizer Filmschaffen. «Pio ist ein Meister, wenn es darum geht, nur mit dem bestehenden Licht zu drehen», so Bergkraut. Eine Fähigkeit, die bei «Gasthaus Helvetia» essenziell sein wird, denn sie könnten unmöglich grosse Scheinwerfer in den Beizen installieren.

Radikale Verdichtung
Sollte Bergkraut den Wettbewerb gewinnen, rechnet er mit 40 bis 50 Drehtagen. Er will möglichst alle vier Jahreszeiten durchlaufen und dabei auch verfolgen, wie sich die Schauplätze und die Leute verändern. An «Gasthaus Helvetia» interessiert ihn nicht zuletzt, dass er in einem ersten Schritt nur beobachtet und das Authentische der Orte und Figuren einfängt. «Beim Schnitt wird das dann aber radikal verdichtet. Ich möchte ja keine ethnologisch wertvolle, im Grunde aber langweilige Studie drehen. Der Film muss einen Sog entwickeln und die Zuschauer reinziehen.»

Der Gewinner des CH-Dokfilm-Wettbewerbs wird im Rahmen der Solothurner Filmtage 2012 bekannt gegeben.

www.ps-72.com
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