Eric Bergkraut hört genau hin.

«Gasthaus Helvetia» II

Die Kunst des
diskreten Lauschens

Magazin, 13. März 2012, Simon Spiegel

Für seinen Dokumentarfilm «Gasthaus Helvetia» dreht Eric Bergkraut unter anderem in der belebtesten Beiz der Schweiz, dem «Atrio» im Zürcher Hauptbahnhof. Keine einfache Aufgabe, wie ein Augenschein vor Ort zeigt.

«Wir drehen einen Dokumentarfilm, aber Sie dürfen ruhig rein. Lassen Sie sich von der Kamera nicht stören.» Die meisten Gäste, die an diesem Mittwochmorgen das Atrio im Zürcher Hauptbahnhof ansteuern, lassen sich von dieser Warnung nicht sonderlich beeindrucken. Allerdings zuckt der Eine oder Andere dann doch kurz zusammen, als er im Innern die lange Mikrofonstange sieht, mit der Tonmann Stephan Pauly die Stimmen der Gäste angelt. Etwas anmerken lassen sich aber nur die wenigsten. Insgesamt läuft der Restaurant-Betrieb wie an anderen Tagen auch. Der Unterschied: Mittendrin ist Eric Bergkraut mit seinem Team.

Vier Beizen stehen im Zentrum seines Films «Gasthaus Helvetia», mit dem er den zweiten CH-Dokfilm-Wettbewerb des Migros-Kulturprozent gewonnen hat. Jede Beiz befindet sich in einem anderen Landesteil und jede hat ihren ganz eigenen Charakter. Das Zürcher Atrio ist in verschiedener Hinsicht ein Sonderfall: Kaum eine Gaststätte in der Schweiz dürfte mehr Laufkundschaft haben. Es herrscht eine eigentümliche Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Geschwindigkeiten. Da gibt es Reisende, die nur schnell einen Kaffee trinken, Habitués, die im Atrio in aller Ruhe den Tag beginnen, und Geschäftsleute, die sich zu Besprechungen treffen. Der hohe Lärmpegel verschafft ihnen allen ein Stück Privatsphäre – die Gespräche am Nebentisch sind meist nicht mehr zu verstehen. Ganz anders ist das Papa in Biasca, in dem Bergkraut auch dreht: Es ist ein urchiges Lokal, in das sich selten ein Auswärtiger verirrt und in dem jeder jeden kennt.

Diskret im Hintergrund
Er taste sich derzeit noch an die verschiedenen Schauplätze heran, erklärt Bergkraut. Das Drehen eines Dokumentarfilms verlange oft Diplomatie und Fingerspitzengefühl: Wie präsent darf man als Filmteam sein, was wird von Gästen und Hausherr noch goutiert? Anfangs liess Bergkraut im Atrio noch ohne Mikrofon-Angel drehen und Kameramann Pio Corradi war vor allem damit beschäftigt, Stimmungen einzufangen. Mittlerweile hat man sich so weit angenähert, dass auch das Aufnehmen von Gesprächen möglich ist. Überhaupt geben sich Wirt und Personal äusserst unkompliziert; wahrscheinlich hat man hier schon weitaus seltsamere Gäste begrüsst als Bergkraut und sein Team. Dennoch bemüht sich der Filmemacher um Diskretion. Während des Drehs ist er erstaunlich wenig präsent. Interviewsituationen, bei denen er als Gesprächspartner agiert, werden vorerst nicht gedreht. Corradi scheint weitgehend selbst zu entscheiden, wen er ins Visier nimmt. Für den Regisseur ist das eine eigenartige Situation, denn er kann nur erahnen, was seine beiden Mitarbeiter gerade aufnehmen. Ab und zu tritt er zwar an Pauly heran und setzt sich den Kopfhörer auf, hört kurz mit. Die meiste Zeit hält er sich aber im Hintergrund und beobachtet die Szenerie konzentriert.

In der Kaffeepause wird Bergkraut dann auf den aktuellen Stand gebracht: Pauly berichtet, was er aufgenommen hat. Die beiden jungen Männer zum Beispiel, die an einem Tischchen bei der Wand sitzen und intensiv diskutieren. Sie sind offensichtlich mitten in einem Bewerbungsgespräch. Keine Seltenheit, meint Pauly: Die Anonymität und die zentrale Lage machen das Atrio zu einem attraktiven Ort für derartige Unterredungen. Erstaunlich auch, dass sich die beiden weder durch das Mikrofon noch durch Kameramann Corradi stören liessen, der wenige Meter entfernt sass. Anders eine Dreiergruppe Englisch sprechender Herren: «Sie haben ganz bewusst sehr leise gesprochen. Ich habe fast nichts verstanden», berichtet Pauly. «Wir nehmen die rechtliche Situation ernst», erklärt Bergkraut. «Wir haben zwar eine Erklärung vorbereitet, welche die Leute jeweils unterzeichnen sollten, in jedem Fall holen wir aber zumindest eine mündliche Einwilligung ein. Wir wollen schliesslich niemanden reinlegen.» In den übrigen Beizen dürfte es ein wenig anders sein als im Atrio und eher die Möglichkeit bestehen, einzelnen Gäste über einen längeren Zeitraum hinweg zu folgen und sie wirklich kennenzulernen.

Der Grossaktionär als Stammgast
Das Gespräch des Filmteams wird von einem Herrn unterbrochen, dessen elegante Erscheinung einzig durch seine vollgestopfte Jelmoli-Plastiktüte getrübt wird. Es handelt sich offenbar um einen Stammgast, dem man bereits früher am Morgen begegnet ist. Seine Ausführungen entpuppen sich als eher wirr, doch anscheinend hat es just mit dem Jelmoli-Sack eine besondere Bewandtnis: «Ich bin Jelmoli-Aktionär – und kein kleiner!» Bergkraut erwidert nichts, er lächelt nur freundlich. Nachdem der Grossaktionär verschwunden ist, wird noch kurz über die welsche Beiz diskutiert. Ursprünglich hatte man ein Lokal in Porrentruy vorgesehen. Produktionsleiterin Julia Tal, die auch als Location-Scout fungiert, war mehrmals vor Ort und ist skeptisch: «Dort wird vor allem gespielt.» Das Lokal sei auch eine Annahmestelle für Pferdewetten, der typische Beizen-Charakter komme deshalb nicht auf. «Vielleicht müssen wir im Welschland einen anderen Ort suchen, mehr in Richtung Val-de-Travers gehen», meint Bergkraut. Doch dieser Entscheid muss später fallen. Vorerst geht's wieder ans Filmen im Atrio, danach reist das Team ins Tessin. Für den nächsten Tag ist der Dreh in Biasca angesagt.

Dieser Beitrag ist Teil II unserer Serie über die Entstehung von «Gasthaus Helvetia». Bisher erschienen:

Eric Bergkrauts Produktionsfirma
Der CH-Dokfilm-Wettbewerb
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