Milchbauer mit Nebenjob: Michael Eavis.

Michael Eavis

«Man muss Freude an der Musik haben, sonst ist es ein Geschäft wie Schweinezucht»

Magazin, 28. März 2012, Interview: Simon Spiegel

Michael Eavis ist Milchbauer und leitet als Hobby das beste Musikfestival der Welt – das Glastonbury. Am m4music, dem Popmusikfestival des Migros-Kulturprozent, spricht er über steigende Gagen, die düstere Zukunft seiner Branche und die Gemeinsamkeiten zwischen einem Gottesdienst und einem Konzert.

Es überrascht nicht, dass Michael Eavis einer Pfarrersfamilie entstammt. Er hat etwas Priesterliches an sich, wenn er auf der Bühne steht und mit dem Publikum spricht: sein Bart, sein verständnisvolles Lächeln, seine Hände, die er immer wieder in einer gebetsähnlichen Geste zusammenführt. Einzig die Shorts und die Turnschuhe stören den Gesamteindruck, weisen Eavis aber unverkennbar als Engländer aus – wer sonst würde im März in unseren Breitengraden ein solches Outfit tragen? Doch der 76-jährige Michael Eavis ist kein Geistlicher. Er ist Milchbauer und, wie er mit britischem Understatement anfügt, im Nebenberuf Leiter des Glastonbury Festival, einem der grössten und wichtigsten Musikfestivals der Welt.

Anlässlich des m4music-Festivals plauderte Eavis im Zürcher Schiffbau aus dem Nähkästchen. Wie 1970 alles ganz bescheiden anfing: Der Eintritt betrug damals ein Pfund und jeder Besucher erhielt gratis ein Glas Milch. Heute kann Eavis keine Milch mehr verteilen – Hygienevorschriften verbieten den Ausschank nicht-pasteurisierter Milch. Auch sonst hat sich einiges verändert: Aus den 1000 Zuschauern im ersten Jahr sind über 170 000 geworden und längst kämpfen die ganz Grossen der Musikszene um einen Auftritt auf der Hauptbühne des Glastonbury.

Michael Eavis, Sie präsentieren sich gerne als Milchbauer, der nebenher noch ein Festival veranstaltet. Das Glastonbury ist aber ein riesiger Betrieb, der Sie das ganze Jahr über in Anspruch nimmt. Können Sie sich überhaupt noch um Ihren Hof kümmern?
Michael Eavis: Ich interessiere mich noch immer für die Landwirtschaft, meine Familie betreibt diesen Hof schliesslich seit Jahrzehnten. Mittlerweile ist er aber zu einer Art Hobby geworden. Ich habe fünf Angestellte, die sich um den Hof kümmern. Zu Beginn war das Festival aber tatsächlich nur ein lustiger Zeitvertreib, ich habe ja ganz klein begonnen. Heute, 42 Jahre später, ist es das grösste Festival der Welt. Natürlich beansprucht das viel Zeit, aber ich betrachte es nach wie vor nicht als Arbeit, sondern als Vergnügen. Das ist auch der Grund, weshalb ich es immer noch mache.

Seit einiger Zeit wird über die steigenden Gagen geklagt: Bands verkaufen weniger CDs und sind deshalb auf Konzerte angewiesen. Dies führt dazu, dass es für die Festivals immer teurer wird, ein attraktives Programm zusammenzustellen. Betrifft Sie das auch?
Wir haben dieses Problem nicht, denn die Musiker wollen bei uns spielen. Wenn eine Band am Glastonbury auftritt, gehen die CD-Verkäufe automatisch nach oben – die Bands profitieren also finanziell von uns. Diesbezüglich stehen wir nicht in Konkurrenz mit anderen Festivals. Zudem ist das Festival für mich keine Frage von Leben und Tod, da ich immer noch den Hof und die Milchwirtschaft habe. Ich bin nie verzweifelt, ich gehe jedes Festival so an, als wäre es das Letzte.

Macht Ihnen eine Band wie Coldplay denn einen Sonderpreis?
Coldplay sind freundlich, weil ich ihnen schon sehr früh Auftritte am Festival ermöglichte. Aber die Band ist diesbezüglich kein Einzelfall; die meisten wollen bei uns spielen, meist auch zu vernünftigen Preisen.

Neben den Gagen steigen auch die Kosten für Sicherheit und Infrastruktur. Die Besucher erwarten heute viel mehr von einem Festival.
Das ist so, alles wird teurer. In den nächsten zehn Jahren wird es für Musikfestivals immer schwieriger; ich glaube sogar, es kommt zu einem Kollaps. Und das gilt für alle Festivals – inklusive Glastonbury. Die Anzahl der Festivals steigt, die Kosten steigen. Langfristig gibt es in meinen Augen keine Perspektive.

Das klingt nicht sonderlich optimistisch.
Ich sehe einfach nicht, wie es endlos so weitergehen kann. Es gibt grundlegende Probleme: Die Kosten steigen, und das betrifft uns am Ende alle. Irgendwann werden die Eintrittspreise zu hoch sein und die Zuschauer werden ausbleiben. Vielleicht irre ich mich ja, aber das ist mein Eindruck.

Gab es in all den Jahren eine Band, die sie unbedingt haben wollten, die sie aber nicht gekriegt haben?
Ich bekam Grateful Dead nie, Jerry Garcia starb zu früh. Die hätte ich gerne gehabt. Und natürlich die Rolling Stones. Die haben ebenfalls noch nie bei mir gespielt. Aber die Stones werden nie aufhören, Musik zu machen. Es bleibt mir also noch eine Chance.

Hinter bekannten Festivals steht oft ein einzelner Kopf. Sie in Glastonbury, in der Schweiz Claude Nobs in Montreux und Niklaus Troxler in Willisau. Braucht es einen Einzelnen an der Spitze, um ein gutes Festival zu machen?
Montreux wird von den Kritikern oft als unser einziger Konkurrent im Kampf um den Titel «bestes Festival der Welt» bezeichnet. Zu Ihrer Frage: Sie haben recht. Es braucht einen Anführer. Ein Festival kann nicht von einem Komitee geleitet werden.

Einen Diktator?
Ja, einen wohlwollenden Diktator. (lacht)

Kommen Sie überhaupt noch dazu, sich die Konzerte an Ihrem Festival anzuschauen?
Ich versuche es, bin aber immer sehr beschäftigt. Jedes Jahr stehen 23 000 Helfer am Festival im Einsatz und ich bedanke mich bei jedem Einzelnen persönlich. Ich gehe herum, schüttle jedem die Hand und danke für seine Arbeit. Es dauert täglich zwölf Stunden, bis ich das ganze Gelände abgelaufen bin.

Und wie steht es mit dem Kontakt zum Publikum? Festivals sind von Natur aus etwas Junges. Wie bleiben Sie in Sachen Musik auf dem Laufenden?
Ich kenne mich nicht wirklich mit Tanzmusik aus. Darum kümmern sich meine Tochter und meine anderen Mitarbeiter. Heute liegt nur noch die Hauptbühne mit den Headlinern in meiner Verantwortung, für die übrigen Bühnen ist mein Team zuständig. Bei den ganz grossen Bands gibt es aber ohnehin wenig Unterschiede. Wenn ich jetzt zehn Headliner auf ein Stück Papier schreibe und man vergleicht das Ergebnis mit dem, was die Veranstalter anderer grosser Festivals schreiben würden, gäbe es keinen Unterschied. Es wären immer die gleichen zehn Namen.

Welche denn?
Das verrate ich Ihnen nicht. (lacht)

Wann haben Sie zum letzten Mal einen Musiker gehört und sofort gedacht: Aus dem wird etwas ganz Grosses.
Als ich Adele hörte, war mir auf Anhieb klar, dass Sie Erfolg haben wird. Und ich hatte recht. Generell habe ich dafür ein sehr gutes Ohr. Ich merke sehr schnell, wenn jemand Potenzial hat. Coldplay und Oasis habe ich vor allen anderen gross rausgebracht.

Hat es Sie nie gereizt, in der Musikindustrie aktiv zu werden? Mit Ihrem guten Instinkt, wären Sie dafür prädestiniert.
Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich bin kein Geschäftsmann. Ich bin auch nicht auf Gewinn aus. Im Gegenteil: Wir spenden jedes Jahr zwei Millionen Pfund für wohltätige Zwecke.

Müssen Sie die Musiker, die Sie engagieren, denn mögen?
Unbedingt. Ein Promoter muss Freude an der Musik haben. Andernfalls ist es nur ein Geschäft wie Schweinezucht.

Gibt es grosse Musiker, die Sie nicht genommen haben, weil Ihnen ihre Musik nicht gefällt?
Das gibt es in der Tat, aber ich nenne keine Namen. (lacht) Generell machen wir keinen Heavy Metal. Diese Musik hat keine Seele und keine Sensibilität. Sie ist nur laut. Sie ist schlecht für die Ohren und für die Seele und führt nirgends hin. Wir hatten zwar Jimmy Page und Robert Plant von Led Zeppelin in Glastonbury, die Urväter des Heavy Metal gewissermassen. Aber die spielen in einer ganz anderen Liga.

Machen Sie selber Musik?
Ich singe gerne Songs von Frank Sinatra. Einmal bin ich damit sogar am Festival aufgetreten – das Ergebnis war allerdings nicht sehr gut, die Nerven haben mir einen Streich gespielt. Ich muss das zu Hause tun, in Ruhe. Daneben singen wir viel im Gottesdienst. Ich bin Methodist und Musik ist im Methodismus sehr wichtig. Er ist gewissermassen aus dem Gesang heraus entstanden.

Sind sie denn gläubig?
Ich weiss nicht, wer oder was Gott ist. Aber ich glaube, dass etwas Göttliches in jedem von uns steckt. In Ihnen steckt ebenso ein kleiner Funke wie in mir. Wir sind alle Teil der grossartigen Schöpfung und das sollte gefeiert werden. Ich glaube nicht an den christlichen Gott, aber darum geht es im Methodismus auch nicht. Es geht in erster Linie um das Lobpreisen der Schöpfung. Im Grunde macht sich jeder seine eigene Religion.

Ist das Festival in diesem Sinne eine Art Gottesdienst?
Es ist natürlich keine religiöse Veranstaltung. Im Publikum hat es Christen, Muslime, Juden – sogar Leute, die den Teufel lieben. (lacht) Aber das Glastonbury Festival ist schon eine Form des Lobpreisens, eine Feier der Schönheit des Lebens.

Das Gespräch fand am 24. März 2012 im Rahmen des m4music-Festivals des Migros-Kulturprozent statt.

www.m4music.ch
Die Website des Glastonbury Festival
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