CH-Dokfilm-Wettbewerb

Regisseur oder Schauspieler?

Magazin, 9. Mai 2011, Simon Spiegel

Mit seinem Projekt «Zum Beispiel Suberg» hat Simon Baumann den ersten CH-Dokfilm-Wettbewerb des Migros-Kulturprozent gewonnen. Seit Anfang Jahr dreht er nun in seinem Heimatort im Berner Seeland. Dass auch beim Dokumentarfilm der Wirklichkeit durchaus mal nachgeholfen wird, zeigt ein Augenschein vor Ort.

Wochenlang schien in der ganzen Schweiz die Sonne, doch an diesem Mittwochmorgen ist der Himmel über Suberg wie schon beim letzten Besuch in trübes Grau getaucht. Simon Baumann scheint das allerdings nicht zu stören. Im Gegenteil: Der Gewinner des ersten CH-Dokfilm-Wettbewerbs ist gut gelaunt und begrüsst den Besucher mit einem Lachen. Baumann hat auch allen Grund zur Freude, ist er doch in einer für Schweizer Filmemacher beneidenswerten Situation: Er muss dank der Unterstützung durch das Migros-Kulturprozent nicht mühsam sein Budget zusammenkratzen, sondern kann aus dem Vollen schöpfen.

An diesem Tag ist Baumann mit einem grossen Team unterwegs: Ein Kameramann mit einer sogenannten Steadicam, mit der sich bewegte Aufnahmen ohne Geruckelt filmen lassen, ein zweiter Kameramann mit einer Stativkamera, ein Kameraassistent und ein Mann für den Ton. Und natürlich Baumann selbst. «Heute bin ich allerdings mehr Darsteller als Regisseur», meint er. In «Zum Beispiel Suberg» erzählt Baumann von seinen Bemühungen, in seinem Heimatort Fuss zu fassen. Einem Ort, in dem er über 30 Jahre lang gewohnt hat und wo er doch niemanden kennt. Und so schlendert er – immer von seinem Team begleitet – die Strasse entlang Richtung Bahnhof. Schnell wird klar, warum es für ihn schwierig sein wird, sich in Suberg zu integrieren, denn eigentlich gibt es diesen Ort gar nicht – nicht mehr. Die Hauptstrasse zerschneidet das ursprüngliche Bauerndorf, Autos und Lastwagen brausen hindurch. Wie soll man da jemanden kennen lernen?

Vaters Bahnschranke
Wir kommen zur Bahnschranke, die sich jedes Mal senkt, wenn ein Schnellzug an Suberg vorbeizieht, und von der an diesem Tag noch mehrmals die Rede sein wird. Verantwortlich für die Schranke ist Baumanns Vater, der frühere Parteipräsident der Grünen, der seinerzeit eine Unterführung für den Strassenverkehr verhindert hat. – Es folgen Aufnahmen am Bahnhof: Baumann alleine auf einer Bank oder auf einem Mäuerchen sitzend, ein einsamer Mensch in grauer Szenerie. Treffender lässt sich seine Einsamkeit in Suberg kaum bebildern.

Dass Baumann heute als Schauspieler agiert, ist durchaus wörtlich zu nehmen: Auch beim Dokumentarfilm, der ja von der Wirklichkeit, von realen Ereignissen, berichtet, wird inszeniert. «Soll ich noch einmal dort entlang gehen, oder sieht es besser aus, wenn ich hier sitze?», fragt Baumann seinen Kameramann. Zufällig sind die Bilder, die hier entstehen, keineswegs, sie sollen vielmehr gezielt gewisse Stimmungen vermitteln. Als das Team weitergehen will und ein Mann mit zwei kleinen Kindern entgegenkommt, hält Baumann denn auch inne: «Jetzt nicht filmen. Mit den Kindern ist mir das zu belebt.»

Realität oder Ästhetik?
Für die Mittagspause geht’s zuerst in die alte Ölmühle, in der Baumann mit seiner Freundin wohnt. Das Team legt das schwere Gerät ab und Baumann führt am Computer Sequenzen vor, die er vor wenigen Tagen gedreht hat: Seine Aufnahme in den Männerchor von Suberg. Um Leute kennenzulernen, ist er in dieses letzte Überbleibsel der Dorfgemeinschaft eingetreten. Man sieht und hört Baumann, wie er unter den kritischen Blicken der Chormitglieder das Guggisberglied zum Besten gibt. «Eigentlich wäre dieses Vorsingen gar nicht nötig gewesen», meint er, «aber ich wollte es im Film drin haben.» Beim Dokfilm geht es eben immer auch um das Arrangieren von Wirklichkeit. Das zeigt sich auch, als Baumann nach dem Mittagessen von Neuem mit einem Ansteckmikrophon verkabelt wird. Am Morgen hatte er dessen Sender hinten an der Hose befestigt, der schwarze Kasten und das rote Kontrolllicht waren immer gut sichtbar. «Irritiert das die Zuschauer nicht?» Das Team ist uneinig: Warum soll man das Mikrophon verstecken, schliesslich ist dem Publikum ja klar, dass es einen Film sieht. Aber ist das Kästlein nicht einfach hässlich? Was ist wichtiger – Authentizität oder ein schönes Bild? Baumann entschliesst sich, den Sender in einem Socken zu verstauen. Nun ist zwar nichts mehr zu sehen, dafür geht Baumann von nun an ein bisschen seltsam.

Für den Nachmittag sind Besuche im Dorf angesagt. Baumann geht von Haus zu Haus, um sich vorzustellen. Nun ist es mit der Inszenierung vorbei, denn wie die Leute reagieren, kann er nicht voraussehen. Zwar hofft er auf interessante – durchaus auch heftige – Reaktionen, aber planen lassen diese nicht. Er klingelt an der ersten Türe und stellt sich der etwas verdutzten Hausherrin vor: «Guten Tag, ich bin Simon Baumann», wobei er den Nachnamen typisch bernerisch «Bume» ausspricht. Das Kamerateam, das sich hinter Baumann in Position gebracht hat, scheint die Dame nur kurz zu irritieren; schnell ist ein Gespräch im Gange: Wie lange sie schon in Suberg wohne, ob es er hier gefalle, wie er sich wohl am besten integrieren könne. Die Antworten werden sich im Laufe des Nachmittags oft wiederholen: Es gefalle ihr sehr gut in Suberg, aber eigentlich habe sie wenig Kontakt zu den anderen Dorfbewohnern. Die Leute hier hätten gerne ihren Frieden und man lasse sich gegenseitig in Ruhe. Aber wenn er sich integrieren wolle, solle Baumann doch einem Verein beitreten.

Hausbesuche
Mittlerweile hat sich doch noch die Sonne gezeigt und die beiden Kameramänner haben ihre Jacken ausgezogen. Langsam zieht das Grüpplein weiter. Mehrmals klingelt Baumann vergeblich – nicht erstaunlich an einem gewöhnlichen Mittwochnachmittag. «Das ist eben auch ein Problem. Wie komme ich an die Leute ran? Tagsüber sind sie nicht zu Hause, und am Abend, während des Abendessens, wäre doch sehr unhöflich.» Etwas später hat er mehr Glück: Gleich mehrere Rentner wohnen hier Haus an Haus und mit allen entwickelt sich ein Gespräch. Das Muster ist stets das gleiche: Alle betonen zuerst, dass sie eigentlich ihre Ruhe wollen, kommen dann aber ins Plaudern, und zum Schluss bietet man sich das Du an. Unweigerlich wird auch Baumanns Vater erwähnt, denn auf den «Bume Ruedi» hat hier noch so mancher eine Wut. «Den verfluche ich jedes Mal, wenn ich wieder 20 Minuten an der Schranke warten muss», erklärt ein älterer Herr im Trainingsanzug. «Eigentlich geht mir das genau gleich», meint Baumann lachend. – Vielleicht ist das ja das Einzige, was die Suberger heute noch verbindet: Der Ärger über die unsägliche Bahnschranke des Ruedi Baumann.

Lesen Sie den Hintergrundbeitrag zum Filmprojekt
www.tonundbild.ch
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