Folkpop-Sänger Bastian Baker (20) sagt: «Viel live spielen, um im Gespräch zu bleiben.»

m4music

«Bei Musik geht's nicht ums Geld - sondern um Lust»

Magazin, 8. März 2012, Mathias Haehl

m4music, das Popmusikfestival des Migros-Kulturprozent, präsentiert neben internationalen Top-Acts auch viele Schweizer Bands. Im Zürcher Schiffbau spielen Muriel Rhyner von den Delilahs, Rapper Knackeboul und Bastian Baker. Die Schweizer Musiker diskutieren darüber, wie sie in Zeiten der Krise von ihrer Arbeit leben können.

In der Lobby des Hotels Ibis in Zürich West herrscht Betriebsamkeit, Musiker und Manager eilen umher. Es ist der Tag der Swiss Music Awards, der wichtigsten jährlich vergebenen Schweizer Musikpreise. Die «helvetischen Grammys» werden am Abend zum fünften Mal verliehen und die Szene-Party erstmals live im Schweizer Fernsehen übertragen. Zu den Gewinnern zählt unter anderen Bastian Baker, Folk-Newcomer aus Lausanne. Wir treffen ihn zum Round-Table-Gespräch mit Muriel Rhyner von den Delilahs und dem Rapper Knackeboul. Die drei Musiker stehen der Entwicklung der Musikszene durchaus optimistisch gegenüber. Hat da nicht so mancher Kritiker von Krise gesprochen, die in der Musik-Industrie umgehen soll? «Es ist eine Krise der Plattenfirmen, nicht von uns Musikern», sagt dazu Knackeboul.

Die drei freuen sich über den gegenseitigen Austausch und sind gut gelaunt. Muriel Rhyner von der Zuger Punkrock-Band Delilahs ist ladylike in Jupe gekleidet. Bastian Baker, mit 20 Jahren der Youngster und derzeit der Erfolgreichste am Tisch, muss über sich selber lachen: «Ich weiss nicht, weshalb ich gerade so gefragt bin. Ich bin doch unscheinbar, trage immer weisse T-Shirts. Das ist dermassen uncool!» Doch der Folk-Sänger erobert nicht nur wegen seiner leuchtend grünen Augen die Teenieherzen im Sturm, sondern vor allem mit stimmigen Songs und seiner leidenschaftlichen Stimme. Bescheiden und artig, entgegen dem Image vieler Rapper, gibt sich Knackeboul.

Wer seid Ihr?

Muriel Rhyner: Ich bin 25, stamme aus Menzingen bei Zug und mache Musik, seit ich elf Jahre alt bin. Bei den Delilahs spiele ich Bass und singe. Wir waren als Vorgruppe schon mit The BossHoss und Maximo Park auf Tour. Ich stehe auf 70er-Punk und liebe es, viele Konzerte zu spielen.

Knackeboul: Ich komme aus Bern, bin 29 und mache auf allem Erdenklichen Musik, seit ich denken kann. Seit zehn Jahren trete ich mit meinem Loop-Gerät und einem Mikrofon auf; ich singe und rappe in Mundart. Und ich war schon Anheizer bei Jamiroquai vor 8000 Leuten.

Bastian Baker: Ich bin 20 und lebe in Lausanne. Ich spielte 13 Jahre lang als Junior Eishockey und war bis vor einem Jahr am Sportgymnasium. Musik war Nebensache, aber immer meine Leidenschaft. Mit sieben Jahren fing ich an, Gitarre zu spielen. Seit dem Sommer 2010 setze ich voll auf die Musik und singe englische Songs. Momentan kann ich von meiner Musik leben, in Frankreich erschliesst sich mir gerade ein neuer Markt.

Seid ihr beiden kommerziell auch so erfolgreich?

Rhyner: Ich kann von meiner Musik nicht leben und arbeite deshalb noch in einem 40-Prozent-Pensum in einer Bar. Nebenbei mache ich das ganze Band-Management.

Knackeboul: Mir reicht es zum Leben. Mein Schlüsselwort ist Quersubvention: Ich trete deshalb auch an Firmenanlässen auf und verlange dafür horrende Gagen (grinst). Diese fliessen direkt in mein Label Mundartisten Records, für das mittlerweile vier Leute arbeiten. Ich trete ab und zu auch in Deutschland auf, wo ich ein grösseres Publikum als in der Schweiz habe und somit auch mehr verdiene.

Muss man also ins Ausland gehen, um in der Schweiz von der Musik leben zu können?

Rhyner: Das kommt ganz auf die Szene an. Die Delilahs spielen nicht im Pop- sondern im Punkrock-Bereich, da haben wir ein viel kleineres Publikum. In gewissen Ländern sind wir sehr gefragt, etwa in der Tschechei, wo wir gerade eine Tour machten. Doch die Schweiz als Musik-Markt ist schon sehr klein.

Baker: Und erst die Romandie - viel zu klein, um dort mit regionalen Fans zu überleben! Ich muss den Schritt nach Frankreich wagen, wenn ich von meiner Leidenschaft leben will.

Knackeboul: Es gibt rund 14 000 Bands in der Schweiz, und jede träumt davon, durchzustarten. Die Konkurrenz ist gross. Ich mache mir keine Illusionen, dass ich meinen Lebensunterhalt irgendwann mit CD-Verkäufen bestreiten kann. Aber ich will ein neues Konzept finden, denn irgendwann wird niemand mehr CDs kaufen - auch wenn ich das noch immer gerne tue. Im Musikgeschäft sind Strategien fürs Überleben entscheidend, die unabhängig von einer Hardware wie der CD sind. Es ist nur eine Krise der Plattenfirmen, nicht von uns Musikern.

Ist dies wirklich das Hauptproblem?

Rhyner: Ich denke nicht. Wir spüren auch, dass die Clubs immer weniger Gagen für Bands und Musiker bezahlen. Im Bekanntenkreis erleben wir ebenfalls, dass die Leute weniger an Rockkonzerte gehen.

Baker: Man muss oft und gut live spielen, um im Gespräch zu bleiben. Heute kann man nicht mehr wie früher nur CD-Artist sein, das reicht nicht mehr.

Knackeboul: Internationale Künstler haben dieselben Probleme. Deshalb spielen sie möglichst schnell eine CD ein, um einen guten Grund zu haben, auf Tournee zu gehen. Sie kommen gerne in die Schweiz, weil hierzulande Musikfans immer noch Eintritt bezahlen, etwa für Hip Hop-Bands, für die sich in den USA keiner mehr interessiert. Die machen dann uns Schweizern zusätzlich Konkurrenz.

Tim Renner, Musikmanager und Autor, stellte fest, dass die Plattenindustrie Rechte und Verträge der Musiker in einer Krise stets verschlechterte: «Es geht der Industrie ums Geschäft, nicht um die Musiker. Dank der CD haben die grossen Labels Renditen von 20 Prozent gehabt. Den Künstlern blieben dagegen oft nur 10 Prozent. Aber wenn es jetzt den Plattenfirmen schlechter geht, trifft das auch die Förderung neuer Künstler, da die Bereitschaft, Risikokapital auszugeben, mit rückläufiger Profitabilität sinkt.» Wie erlebt ihr das?

Rhyner: Das mag für die Major-Labelszene schon gelten. Deshalb bewegen wir uns in der Independent-Szene. Dort haben die Musiker die Fäden vermehrt selber in der Hand. Ein weiteres Problem ist, dass bei uns das einheimische Schaffen leider oft nicht so viel zählt wie ausländische Bands. Auch in den Medien ist man mit Lob sehr zurückhaltend: In Deutschland hatten wir auf unsere neueste CD zehnmal mehr Besprechungen als in der Schweiz. Derzeit sind wir im Norden und in Osteuropa sehr gefragt. Und als Zentralschweizer Band erstaunlicherweise vermehrt in Zürich - als wir unlängst in der Luzerner Schüür spielten, kamen gerade mal 80 Leute.

Baker: Das ist schade! Dort spielte ich vor 600 Fans. Im Vorverkauf gingen zwar nur 200 Tickets weg, aber als mich Radio Pilatus unterstützte und ich im Studio ein Interview gab, war die Schüür dann voll. Das zeigt, wie wichtig es ist, Promotion zu machen.

Knackeboul: In der Romandie ist das vermutlich anders als in der Deutschschweiz, dort ist man wohl stolzer auf die eigenen regionalen Bands.

Baker: Ja, das finde ich toll so. Wir Romands sind eine Minderheit im Land und wir mögen unser kulturelles Schaffen. Die Radios spielen in der Westschweiz gerne Einheimisches, auch ohne Quotenregelung. In Frankreich beispielsweise verpflichtet diese die Radiosender, 40 Prozent französischsprachige Musik zu spielen.

Viele hören Musik nur noch im Netz. Die digitale Revolution bietet einen grossen Vorteil: Musik kommt via Internet ohne Filter direkt zum Konsumenten. Das Netz sei eine Chance, befand kürzlich auch die Rapperin Steff la Cheffe, denn früher habe man als Musikerin eine Plattenfirma gebraucht. Heute könne sie ihre Musik auf iTunes selber verkaufen.

Baker: Das stimmt, ich sehe keine Krise. Auch ich habe ein paar Videos im Wohnzimmer gedreht und dann auf Youtube gestellt. Und plötzlich hatte ich Feedbacks aus Brasilien oder von sonstwo in der Welt.

Knackeboul: Ich bin nicht allzu traurig, wenn mein Album kostenlos runtergeladen wird. In meinem Stadium eines mittleren Bekanntheitsgrads ist das immer noch die beste Werbung. Eigentlich kann ich froh sein, dass sich überhaupt jemand für mich interessiert. Ich denke, dass etwa 2000 bis 3000 Leute gratis an meinen Sound kamen. Das ist doch cool, weil ich so potenzielle Anhänger erhalte!

Rhyner: Wir haben das Musik-Business gar nie anders gekannt. Dass einzelne Bands Millionen von CDs verkaufen, das gibt es ja schon seit Mitte der Neunzigerjahre nicht mehr. Dafür haben wir heute Facebook. Damit kann ich sehr gut auf die Delilahs aufmerksam machen.

Baker: Facebook pflege ich auch! So erreiche ich fünfmal mehr Fans pro Tag als auf meiner Website.

Knackeboul: Früher im Gymnasium war das so: Man gab ein Konzert, es kamen fast alle Freunde und Bekannte - und jeder sprach am nächsten Tag darüber. Diese Rolle hat Facebook übernommen. Heute verteilen ein paar Alpha-Tiere aus dem Freundeskreis meine Infos, und dann wollen die anderen das auch wissen. So funktioniert heute Mund-zu-Mund-Propaganda.

Gibt es dazu Zahlen, habt Ihr Erfahrungswerte?

Knackeboul: Nicht in Zahlen. Facebook geht zwar fix, hat aber auch Schattenseiten: Man drückt schnell «gefällt mir» - aber ob man dann auch ein Konzert-Ticket kauft? Printmedien und Radio helfen mir immer noch am meisten, um Werbung zu machen. Wenn Zeitungen über mich berichten, habe ich mehr Besucher.

Subventionen, Preise und Stipendien scheinen auch sehr wichtig. Filewile-Musiker Andreas Ryser sagte unlängst: «2011 kam ich auf einen Stundenlohn von 20 Franken. Das ist schon fast astronomisch hoch. Im Jahr 2009 betrug er 27 Rappen. Ohne Kultursubventionen hätten wir für jede Stunde etwa 10 Franken draufgelegt.»

Rhyner: Das ist so, in der Tat. Aber mir geht es bei der Musik nicht primär ums Geld - sondern um die Lust. Ich mache das gerne und schreibe deshalb keine Arbeitsstunden auf. Subventionen sind allerdings sehr wichtig, damit wir nicht mehr ins fünfstellige Minus kommen. Immerhin konnten wir ein Album produzieren, hinter dem wir voll stehen können. Ohne Preisgelder kultureller Institutionen und andere Unterstützung wären wir wohl nie ins Studio gekommen.

Knackeboul: Bei mir ist es anders, ich arbeite noch für Joiz-TV als Moderator. Ich erlebe keine Krise, weil ich breit abgestützt bin. Ich mache auch Swisscom-Werbung, für die ich eine Beatbox-Spur aufnehme. Oder ich leite für die SBB Workshops. Das sind Auftragsarbeiten, für die ich gut bezahlt werde. So kann ich gerne ein Konzert für wenig Geld spielen, weil ich daran Freude habe. Irgendwann gibt es einen riesigen iPod, auf dem die ganze Musik der Welt drauf ist. Spotify, ein digitaler Musikservice mit Millionen von Songs, ist dafür ein Vorläufer.

Ist die Musik bald nichts mehr wert?

Knackeboul: Ein Künstler, der viel gehört wird, hat schon was davon: Die Menschen gehen an seine Konzerte.

Rhyner: Es geht dann vielleicht um die Qualität der Musik und nicht mehr darum, wer sich das teuerste Video leisten kann.

Was haltet Ihr von Crowdfunding, der «Schwarmfinanzierung» via Internet? Sängerin Anna Kaenzig trommelte damit innert 17 Tagen 6000 Franken für ihre Album-Produktion zusammen, als Gegenleistung erhalten Fans, die in ihr Projekt investierten, einen Tonträger oder Konzerttickets.

Baker: Das hab ich mir auch schon überlegt. Und in Frankreich hat das schon ein paar Mal funktioniert.

Knackeboul: Eine super Idee, das gibt es auch für Filmprojekte.

Baker: Vielleicht verdient man dann nicht viel, aber zumindest beschleunigt sich so der Produktionsprozess einer Studioproduktion.

Ein erfolgreicher Talentschuppen ist auch die «Demotape Clinic», ein Bandwettbewerb am m4music-Festival.

Knackeboul: Die war für meinen Karrierestart verantwortlich, ich habe sogar zweimal gewonnen. 2004 in der Sparte «Urban Music» und 2005 in der Sparte «Electronic Music». DRS 3 wurde so auf mich aufmerksam. Und letztes Jahr habe ich in der Halle am Festival gespielt. Da herrscht jeweils tolle Stimmung, weil das Publikum sehr neugierig ist.

Rhyner: Das m4music Festival ist auch sehr wichtig fürs Networking, da es viele Leute aus dem Musikgeschäft anzieht. Es ist eine Ehre, dort eingeladen zu werden. Wir spielten sehr gerne am Festival und wir werden es wieder tun!

Das vom Migros-Kulturprozent veranstaltete Musikfestival m4music findet vom 22. bis 24. März in Zürich und Lausanne statt. www.m4music.ch

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