conTAKT-net.ch

«Die Bedürfnisse der Menschen sind sehr unterschiedlich»

Magazin, 1. Februar 2011, Interview Simon Spiegel

Mit conTAKT-net.ch hilft das Migros-Kulturprozent Gemeinden dabei, ihre Websites mit Informationen für Migrantinnen und Migranten zu ergänzen. Der Kanton St. Gallen unterstützt zudem die ersten zehn Gemeinden, die an dem Projekt teilnehmen, mit einem finanziellen Beitrag – eine davon ist Wil. Felix Baumgartner, der Integrationsbeauftragte der Stadt Wil und Region, spricht im Interview über seine Erfahrungen mit conTAKT-net.ch .

Sie sind seit 2009 der Integrationsbeauftragte der Stadt Wil; diese Aufgabe ist relativ neu. Wieso hat man diese Stelle eingerichtet, und was sind Ihre Aufgaben?
Die Stadt Wil hat einen Ausländeranteil von 25 Prozent, was über dem Schweizer Durchschnitt liegt. Wil ist in meiner Wahrnehmung sehr zukunftsgerichtet und möchte sich auch in gesellschaftlichen Belangen positiv entwickeln; deshalb hat man bereits relativ früh, im Mai 2004, ein Integrationsleitbild verabschiedet. Darin war als eine von verschiedenen strategischen Massnahmen die Schaffung einer Fachstelle Integration vorgesehen. 2008 trat meine Vorgängerin diese Stelle an, und im August 2009 folgte ich. Ich bin nun dabei, den Massnahmenkatalog, der im Integrationsleitbild formuliert ist, umzusetzen. Einer der Schwerpunkte hierbei ist die sogenannte Willkommenskultur, damit ist unter anderem die Information von Zugezogenen gemeint.

Und die Website einer Gemeinde ist Teil dieser Willkommenskultur?
Die Information von Zugewanderten ist ein wichtiges Thema, die Gemeinden haben gemäss dem neuen Ausländergesetz eine Informationspflicht. Für mich war die Idee, die Websites von Gemeinden mit spezifischen Informationen für Zugewanderte zu ergänzen, allerdings neu. Und ich gebe auch zu, dass ich zu Beginn eher skeptisch war. Aus meiner eigenen beruflichen Erfahrung heraus war ich mir nicht sicher, ob Internet und Zugewanderte wirklich zwei Bereiche sind, die zusammengehören. Information für Zugewanderte über das Internet erschien mir da nicht unbedingt naheliegend.

Sie haben sich aber davon überzeugen lassen, dass die Information über das Web wichtig ist?
Einerseits hat mich der Ansatz der sogenannten Informationsbroker überzeugt: In den meisten Familien gibt es jemanden, meistens aus der zweiten Generation, der mit dem Internet umgehen kann und gewissermassen als Informationsdrehscheibe wirkt. Und andererseits informieren sich viele Migrantinnen und Migranten ohnehin regelmässig im Web über die Situation in ihrem Heimatland, um so an Informationen zu kommen, die sie in den Tageszeitungen nicht erhalten. Daher ist ihnen das Web als wertvolle und naheliegende Informationsquelle geläufig. Und ich kann mir gut vorstellen, dass sich dieser Trend in den nächsten zwei, drei Jahren noch verstärken wird.

conTAKT-net.ch bietet eine Modellwebsite an, die Sie nun in Zusammenarbeit mit der sogenannten net-Gruppe anpassen. Wie setzt sich diese Gruppe zusammen?
Die net-Gruppe besteht aus elf Leuten. Nahezu alle Mitglieder haben einen Migrationshintergrund, wobei grosse Unterschiede bestehen: Einzelne sind praktisch hier aufgewachsen, andere kamen vor 20 Jahren nach Wil, und eine Frau wanderte erst vor eineinhalb Jahren in die Schweiz zu.

Und wie läuft die Arbeit mit der Gruppe konkret ab?
Mittlerweile hat sich ein Ablauf etabliert: Ich bearbeite den vorgeschlagenen Grundtext von conTAKT-net.ch – beispielsweise zum Thema Abfall – und passe ihn den Wiler Verhältnissen oder Eigenheiten an. Diese Fassung schicke ich dann den Mitgliedern der Gruppe. Diese prüfen die Texte aus ihrer Sicht, bringen ihre Änderungen und Kommentare an und schicken sie mir zurück. All diese Rückmeldungen trage ich dann zusammen. Das Ergebnis ist ein ziemlich buntes Papier, das wir an der Sitzung Punkt für Punkt durchgehen. Mir wurde bei der Arbeit mit der net-Gruppe einmal mehr bewusst, wie heterogen die verschiedenen Migrationsgeschichten sind: Unterschiedliche geographische und kulturelle Herkunft, verschiedene Bildungshintergründe, vielfältige Migrationsgründe und Zukunftsperspektiven kommen hier zusammen. Die einzelnen Geschichten sind sehr unterschiedlich und damit die Bedürfnisse der Menschen. Folglich werden auch die möglichen Inhalte für die Website sehr unterschiedlich bewertet.

Gab es denn Themen, die die Gruppe für wichtig hielt, die aber auf der Modellwebsite von conTAKT-net.ch gar nicht vorgesehen waren?
Die Reduktion auf eine Anzahl von Themen, die noch bewältigt werden kann, ist sehr schwierig. Man kann immer noch grundlegender über Inhalte diskutieren oder darüber, was man nun zusätzlich auch noch behandeln will, aber das würde endlos. Daher bin ich wirklich froh um die klar umrissene Themenpalette, die conTAKT-net.ch zu Verfügung stellt. Das ist eine gute Basis, auf der wir aufbauen und ohne die wir das Projekt gar nicht hätten stemmen können.

Kommt es in der Gruppe jeweils zu langen Diskussionen, oder können Sie sich relativ schnell einigen?
Es hat sich gezeigt, dass es hard und soft facts gibt. Etwa das Thema Abfall: Hier sind die Vorschriften und Regeln klar, diesen Bereich können wir relativ schnell besprechen und abhaken. Kürzlich haben wir aber das Thema «Gesund leben» bearbeitet. Da stellt sich dann schnell die Frage, ob es wirklich Aufgabe der Stadt ist, den Leuten zu sagen, dass sie ihren Body Mass Index berechnen und sich gesund ernähren sollen. Statistiken zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund gesundheitlich mehr gefährdet sind. Also wäre das eigentlich eine sinnvolle Informations-Dienstleistung der Stadt. Aber ab wann greifen wir zu sehr ins Privatleben der Menschen und in ihr Recht auf Selbstbestimmung ein? Gerade bei solchen Themen entstehen interessante Gespräche innerhalb der Gruppe: Ein im Gesundheitsbereich tätiges Mitglied mit Migrationshintergrund meinte, man könne doch auf der Website schreiben, dass man nicht zu viel Frittiertes essen soll. Darauf antwortete eine junge Frau aus Somalia, dass bei ihnen vieles frittiert werde und es nicht angehe, den Menschen aus Somalia ihre traditionelle Küche zu verbieten. Das sind dann schwierige, aber auch sehr interessante Diskussionen. An solchen Punkten wird die oben erwähnte Heterogenität der Zugewanderten gut sichtbar.

Sie sind nun mit gut der Hälfte der Themen durch. Wie beurteilen Sie den Prozess insgesamt, was bringt er?
Was mich von Anfang an überzeugt hat, aber wahrscheinlich im Endprodukt gegen aussen weniger sichtbar sein wird, ist die Netzwerkarbeit: Durch die Zusammenarbeit rücken die Mitglieder der net-Gruppe näher an die Stadt heran. Es hat sich eine Gruppe von «Schlüsselpersonen» gebildet, auf die ich mich verlassen und über die ich bestimmte Migrantengruppen erreichen kann. Zugleich löste dieses Projekt auch etwas in der Verwaltung aus: Mitarbeitende, die als Fachpersonen punktuell in die Arbeit einbezogen wurden, haben gemerkt, dass gewisse Bevölkerungsgruppen teilweise ganz andere Informationsbedürfnisse haben, als man bislang angenommen hat. Ausserdem gab es mehrfach die Rückmeldung, dass nicht nur Bürgerinnnen und Bürger mit Migrationshintergrund an einfach zugänglichen, grundlegenden Alltagsinformationen interessiert sind. Letztlich kommt conTAKT-net.ch also nicht nur den Migrantinnen und Migranten zugute, sondern allen.

Sie können conTAKT-net.ch also weiterempfehlen?
Ja, auf jeden Fall. Allerdings muss man die Grösse der Gemeinde berücksichtigen. Der Aufwand ist beträchtlich und für kleinere Gemeinden, in denen diese Arbeit ehrenamtlich geleistet wird, nur schwer zu bewältigen. Für solche Gemeinden müsste die Arbeitsweise wohl angepasst werden. Grösseren Gemeinden kann ich conTAKT-net.ch aber vorbehaltlos empfehlen.

www.contakt-net.ch
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