Generationenakademie

«Als hätte eine Bombe eingeschlagen»

Magazin, 28. Juni 2012, Mathias Haehl

Wie lassen sich Konflikte zwischen Generationen lösen? An der vom Migros-Kulturprozent veranstalteten dritten Generationendebatte diskutierte der Zürcher Stadtrat und Vorsteher des Polizeidepartements Daniel Leupi mit Monika Litscher, Dozentin am Institut für Soziokulturelle Entwicklung der Hochschule Luzern, zum Thema «Wem gehört der öffentliche Raum?»

Generationenbeziehungen finden nicht nur im Familiären, sondern auch in vielen öffentlichen Räumen statt. Die dritte Generationendebatte des Migros-Kulturprozent fragt daher, wem der öffentliche Raum gehöre. Es solle kein «Konfliktbewältigungsabend» werden, sagte Heinz Altorfer, Leiter Soziales innerhalb der Direktion Kultur und Soziales im Migros-Genossenschafts-Bund, bei seiner Einleitung zur öffentlichen Generationendebatte im Zürcher Theater Stadelhofen. Was es stattdessen wurde: Ein informativer Abend, an dem vor allem über die Probleme diskutiert wurde, die jugendliche Partymacher im öffentlichen Raum bereiten.

Altorfer ortete viele Konflikte bei diesen Generationenbeziehungen: So fanden zum Beispiel Anfang Juni die Demonstrationen in Bern und Zürich, an denen Hunderte von Jugendlichen mehr Freiheit für Freiluftparties gefordert haben, in den Medien ein grosses Echo. Bei der anregenden Diskussion darüber positionierte sich der Vorsteher des Zürcher Polizeidepartements, Daniel Leupi, ganz gemäss dem bekannten Slogan als «Polizei, dein Freund und Helfer»: Er setze vermehrt auf den Dialog mit den Jugendlichen, denn schliesslich suchten alle im öffentlichen Raum nicht Zoff, sondern Spass.

Übungsraum für demokratische Prozesse
«Was ist Freiraum, und wem gehört der öffentliche Raum?», fragte Moderatorin Karin Landolt und suchte zuerst Definitionen. «Freiräume müssen Zugang für alle Menschen ermöglichen, und es muss Rechtsgleichheit herrschen», antwortete die Uni-Dozentin Monika Litscher. Es müsse auch Raum für Unerwartetes, Unerfreuliches und Widersprüchliches geben, da könne es immer wieder zu Reibereien und Konflikten kommen: «Der öffentliche Raum ist ein Übungsraum für demokratische Prozesse», sagte Litscher. Die Jugendlichen versuchten dort, an der Schwelle zur Erwachsenenwelt, die Grenzen auszuloten.

Diese Freiräume müsse man immer wieder neu aushandeln, entgegnete der Zürcher Polizeichef. «Freiraum» sei eigentlich ein Paradox. Denn sobald einer diesen in Beschlag nehme, sei dieser Freiraum besetzt und somit nicht mehr frei. «Wir leben in einer freien Gesellschaft, da wollen die Menschen immer von neuem die Grenzen auszutesten», so Daniel Leupi. Für die Jungen bedeute Freiraum meist ein Raum ohne Erwachsene, ohne deren Regeln.

Der städtische Polizeivorsteher zeigte viel Verständnis für die Bedürfnisse der Jugendlichen, die sie im immer knapper werdenden öffentlichen Raum ausleben wollen. Der städtische Wohnraum pro Einwohner wird durchschnittlich immer grösser und verlange mehr Platz, deshalb werden heute der See und dessen Ufer nonstop benutzt. «Dort herrscht abends Betrieb wie in der Innenstadt zur Hauptverkehrszeit», so Leupi. Litscher störte sich an der Kommerzialisierung vieler illegaler Events und sprach von einer «kontrollierten Nachtökonomie». «Wo bleibt da die Freiheit?», fragte sie.

Von Krawallnächten zum Pilotprojekt
Polizei und Rettungssänität sind an Wochenenden wegen Outdoor-Parties nonstop im Einsatz, berichtete Leupi. Das sei vor 30, 40 Jahren noch undenkbar gewesen und habe vor allem drei Gründe: Die Liberalisierung ermöglicht es in Zürich fast 800 Restaurants, am Wochenende bis morgens offen zu haben. Der Alkohol wurde entscheidend verbilligt, sodass «enorm» viel getrunken wird. Und der öffentliche Verkehr hat seine Fahrpläne bis in die Morgenstunden ausgedehnt – die Menschen können also länger feiern.

Leupi berichtete von einem Pilotprojekt, das er nach den Krawallnächten am Zürcher Central Anfang September 2011 lanciert hatte, als sich Jugendliche mit der Polizei Schlägereien lieferten. Er gibt nun privaten Partyveranstaltern, die mit mehreren Hunderten Leuten bei lauter Musik feiern wollen, Bewilligungen zur Durchführung ihrer Festivitäten am Rande des Siedlungsbereiches. «Neu ist, dass diese Bewilligungen Aufräumarbeiten auf freiwilliger Basis und bei Reklamationen Lärmreduzierung verlangen.» Damit habe man gute Erfahrungen gemacht: Von 17 Anfragen hat die Zürcher Polizei bislang 13 bewilligt. Es sind vernünftige Lösungen, bei denen keine Polizisten mehr dabei stehen müssen.

Ist denn die Gesellschaft heute weniger tolerant und verantwortungsbewusst im öffentlichen Raum? Monika Litscher berief sich auf Studien, die belegen, wie Littering nicht nur bei Jugendlichen zunimmt und unsere Wegwerfgesellschaft einem sorglosen Umgang mit dem öffentlichen Raum Vorschub leistet. Das ist auch Leupi aufgefallen: «Die grossen öffentlichen Plätze sehen in den sonntäglichen Morgenstunden oft aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.» Er appellierte deshalb immer wieder an die Vernunft der Menschen, mehr Verantwortung zu übernehmen. An diesem Punkt hakte Litscher ein: Sie stelle eine mangelnde Kommunikation zwischen Partygängern und Ordnungshütern fest, weil von der Polizei oft sehr schnell Wegweisungen verordnet würden. «Ich vermisse den Dialog zwischen Jugendlichen und Polizei.»

Zürich: aggressiver Ton, aber tolerant
Aus dem Publikum kam nach einer Stunde der Einwand, es gehe in der Diskussion doch um Generationenkonflikte im Allgemeinen und nicht nur um Probleme mit der Jugend im öffentlichen Raum. Ein Mann berichtete, er habe sich als Bürger im Pensionsalter eine «Strategie zum Überleben» zurechtgelegt, indem er mit seinem Velo bewusst auf dem Trottoir fahre und ab und zu eine 40-fränkige Busse in Kauf nehme. «So ist es weniger gefährlich für mich, als auf der hektischen Autostrasse zu fahren.» Er erntete viel Kopfnicken im Publikum, und Monika Litscher zeigte für sein Verhalten Verständnis, auch wenn er dabei Verkehrsregeln verletze: «Solche Reibungen sind gut, denn aus ihnen entstehen wichtige Dialoge.»

Litscher ergänzte, dass die oft von einer Seite geforderte Toleranz nicht der entscheidende Punkt sei: «Es braucht von allen Seiten die Kompetenz, die Konflikte immer wieder neu auszuhandeln und das gemeinsame Leben im öffentlichen Raum zu gestalten.» Polizeivorsteher Daniel Leupi sagte, er stelle fest, dass bei den Ordnungshütern in Zürich zwar manchmal ein aggressiver Ton herrsche, man sich aber grundsätzlich sehr tolerant zeige. «Es geht vor allem darum, die öffentlichen Räume konfliktfrei zu organisieren.» Und miteinander darüber zu diskutieren. Ein erster Schritt dazu war mit diesem konstruktiven, wenn auch etwas sehr versöhnlichen Dialog gemacht. Die Diskussion zum öffentlichen Raum wird weiter gehen. Die nächste Generationendebatte findet im November 2012 zum Thema «Wohnen und Wohnformen» statt. (red)

Lesen Sie auch den Artikel zur zweiten Generationendebatte.

www.generationenakademie.ch
Diese Seite
Migros Kulturprozent Newsletter

Migros-Kulturprozent Newsletter

Jeden Monat spannende News & Kulturtipps erfahren. Jetzt abonnieren!

Migros Kulturprozent Youtube

Migros-Kulturprozent Youtube Channel

Entdecke das Migros-Kulturprozent auf YouTube