Ein kurzer Moment der Idylle.

Film

Ein Hunde-Elend

30. November 2015, Simon Spiegel

«Köpek» zeigt das moderne Istanbul als Ort der Ausgrenzung und Gewalt. Esen Isiks vom Migros-Kulturprozent unterstütztes Kinodebüt erzählt die Geschichte von drei Aussenseitern.

«Köpek» heisst auf Türkisch Hund, und ein Hund kommt in Esen Isiks erstem Langspielfilm auch vor: Ein kleiner Welpe, der am Strassenrand neben seiner toten Mutter hilflos jault. Niemand kümmert sich um ihn, die Passanten gehen achtlos vorbei. Einzig der zehnjährige Cemo, der sich und seine Familie mit dem Verkauf von Taschentüchern durchbringen muss, nimmt sich seiner an.

Das Schicksal des kleinen Hundes ist nur eine Nebengeschichte und steht doch für den ganzen Film. Denn in «Köpek» schaut fortlaufend jemand weg, wird das Leid, das sich hier auf offener Strasse präsentiert, konsequent ignoriert. Die Opfer sind Kinder wie Cemo, Frauen wie die von ihrem Ehemann tyrannisierte Hayat oder der Transsexuelle Ebru. Die Täter sind nicht zufällig immer Männer. Isik zeigt in ihrem Film die Türkei als trotzig patriarchische Gesellschaft. Hier haben die Herren der Schöpfung noch das Sagen; Menschen wie Ebru, die vermeintlich klare Geschlechterrollen durcheinander bringen, werden als Bedrohung empfunden. Die Reaktionen fallen entsprechend heftig aus.

Alle schauen weg

Die drei Protagonisten, denen «Köpek» folgt, sind alles andere als strahlende Helden und noch nicht einmal sonderlich sympathisch. Ebru klammert sich an einen früheren Geliebten, obwohl dieser ihr zu verstehen gibt, dass er die Beziehung nicht weiterführen kann. Und als Hayat zufällig beobachtet, wie der Transsexuelle in einem Strassencafé drangsaliert wird, schaut sie weg. Sie ist nicht der Typ, der sich auflehnen würde. Lieber geht sie Konflikten aus dem Weg. Selbst als sich ihr früherer Verlobter mit ihr treffen will, willigt sie ein – wohl wissend, dass ihr Mann das nicht goutieren wird.

Regisseurin und Drehbuchautorin Esen Isik weiss, wovon sie in ihrem Film spricht. Nicht nur, weil sie in Istanbul einmal selbst einen kleinen Strassenhund gerettet und nach Hause gebracht hat. Sie weiss als kurdische Frau, was es heisst, zu den Schwachen zu gehören, zu denen, die wie die Strassenhunde keine Lobby haben. Schon als Gymnasiastin nahm sie an Demonstrationen teil. Später verteilte sie Flugblätter, wurde festgenommen und landete für ein halbes Jahr im Gefängnis. Eigentlich war sie bereits für die Filmakademie von Istanbul zugelassen, doch aus dem Studium wurde dann nichts mehr.

1990 kam Isik mit ihrem Verlobten – einem Türken mit Aufenthaltsbewilligung – in die Schweiz und stellte fest, dass sie auch hier abhängig und verletzlich blieb. Ausländische Frauen verloren nach einer Scheidung ihr Aufenthaltsrecht, wenn die Ehe in der Schweiz weniger als fünf Jahre hielt. Als sich Isik scheiden liess, musste sie das Land verlassen. Die Geschichte schien sich zu wiederholen, denn sie hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Aufnahme für die Filmklasse der Hochschule für Gestaltung in Zürich bestanden. Doch das interessierte niemanden. Sie war nur als Anhängsel ihres Mannes zugelassen.

Ein Film, der die Welt verändert

Isik blieb dennoch und absolvierte mit Unterstützung der Schule ihr Studium als Illegale. In ihrem Abschlussfilm «Ölmeye Yatmak – Sich zum Sterben hinlegen» ging es nicht zufällig um eine türkische Frau, welche die Gewalt ihres Mannes erträgt, weil sie Angst vor der Abschiebung hat. Der Film war zugleich sehr persönlich und politisch, und damit typisch für Isiks Verständnis ihrer Arbeit. Und er zeitigte Folgen: «Ölmeye Yatmak» wurde nicht nur für den Schweizer Filmpreis nominiert, eine Vorführung im Schweizer Parlament führte letztlich zu einer Gesetzesänderung, die den Status von eingewanderten Frauen verbesserte. Ein Film, der im wahrsten Sinne des Wortes etwas bewegte.

Dass ein Film so direkt eine politische Wirkung hat, ist ein Ausnahme- und Glücksfall. «Köpek», der im Rahmen der Postproduktionsförderung vom Migros-Kulturprozent unterstützt wurde, dürfte kaum derart unmittelbare Folgen haben. Aber er schärft das Bewusstsein dafür, wie viel in der modernen Türkei gesellschaftlich noch im Argen liegt. Und zumindest für eine Nomination für den Schweizer Filmpreis sollte es auf jeden Fall reichen.

«Köpek» läuft ab dem 10.12.2015 in den Deutschschweizer Kinos.
In Bern (8.12.) und Basel (9.12.) finden Vorpremieren in Anwesenheit der Regisseurin statt.
In Zürich wird «Köpek» am 10.12. im Rahmen des Human Rights Film Festival gezeigt.

facebook.com/koepekfilm
Die Website des Films

In der Agenda

Diese Seite
Migros Kulturprozent Newsletter

Migros-Kulturprozent Newsletter

Jeden Monat spannende News & Kulturtipps erfahren. Jetzt abonnieren!

Migros Kulturprozent Youtube

Migros-Kulturprozent Youtube Channel

Entdecke das Migros-Kulturprozent auf YouTube