Kleist in Thun 2011
Des Dichters Traum vom Landleben
Magazin, 21. Juli 2011, Simon Spiegel
Heinrich von Kleist, der sich vor 200 Jahren das Leben nahm, war ein Getriebener. Für kurze Zeit glaubte er, in Thun zur Ruhe zu kommen. Die Aarestadt ehrt den Dichter deshalb mit zahlreichen Veranstaltungen und einer Ausstellung.
Heinrich von Kleists viel zu kurzes Leben war von Unstetigkeit und Zerrissenheit geprägt. Bereits im Alter von 22 Jahren trat er entgegen der Familientradition aus dem Militärdienst aus, um von nun an seinen Geist zu bilden. Er verzichtete bewusst auf die Sicherheit seiner adligen Herkunft, um seinen eigenen Weg zu gehen. Einen Weg, der alles andere als gradlinig war; immer wieder machte er sich – und stets mit neuer, feuriger Leidenschaft – an grosse Vorhaben, die letztlich alle scheiterten – bis er sich im November 1811 am Berliner Wannsee das Leben nahm.
Eines dieser Vorhaben war der Traum vom Landleben: Aus Paris kommend, das er als Albtraum erlebt hatte, angespornt durch Rousseaus Kampfruf von der «Rückkehr zur Natur», liess er sich 1802 in Thun nieder. In einem Häuschen auf einer Aareinsel – die seit März 2011 offiziell den Namen «Kleist-Inseli» trägt –, fernab von der Grossstadt und der Politik, wollte er nun als Bauer leben. In den Briefen an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge, die in Frankfurt an der Oder lebte, schwärmte er von seiner neuen Existenz: Ein «Bauer, mit einem etwas wohlklingenderen Worte, ein Landmann» möchte er werden, und er bittet Wilhelmine, ihm in die helvetische Provinz zu folgen.
Thun erweist Kleist die Ehre
Obwohl Kleist auch in Thun nicht zur Ruhe kommen sollte, ehrt die Aarestadt den Dichter nun anlässlich seines 200. Todestags. Im Rahmen der Reihe Kleist in Thun 2011, die vom Migros-Kulturprozent unterstützt wird, fand Anfang Juni bereits eine Fachtagung zu Kleists Werk statt. Daneben gibt es zahlreiche Lesungen, Theateraufführungen und Stadtrundgänge. Bis Anfang September ist zudem die Ausstellung «Kleist und die Schweiz» im Schlossmuseum Thun zu sehen.
Wie ernst es Kleist mit seinem Vorhaben in Thun tatsächlich war, ist schwer zu sagen. Zumindest Wilhelmine liess sich von den Schwärmereien ihres Verlobten nicht beeindrucken; sie dachte nicht daran, ein Leben als Bäuerin zu führen. Und auch Kleist selbst musste – allen begeisterten Briefen zum Trotz – schnell einsehen, dass er nicht fürs Leben als Bauer geschaffen war und schlicht zu wenig von Landwirtschaft verstand. Es ist eine für Kleists Leben typische Ironie des Schicksals, dass aus dem jungen Mann ausgerechnet in Thun ein Dichter werden sollte: In seinem Einsiedlerhäuschen schrieb er grosse Teile des Trauerspiels «Die Familie Schroffenstein» und begann die Arbeiten an seinem heute populärsten Stück «Der zerbrochne Krug».
Dichterwettstreit in Bern
Den Anstoss für den «zerbrochnen Krug» – heute eines der meist gespielten Stücke auf deutschsprachigen Bühnen – gaben Schweizer Bekannte. Denn trotz seiner hochfahrenden Pläne vom Leben als Bauer war Kleist mit der literarischen Welt weiterhin im Austausch. In Bern, in der Wohnung des Publizisten und Pädagogen Heinrich Zschokkes, traf er andere Schriftsteller und hier sah er auch den Kupferstich «Le Juge, ou la Cruche cassée» von Jean Jacques Le Veau. Das Bild regte einen Dichterwettstreit zwischen Kleist, dem Gastgeber Zschokke und dessen Freunden Ludwig Wieland und Heinrich Gessner an: Zschokke sollte daraus eine Erzählung machen, Wieland eine Satire und Kleist ein Lustspiel. – Kleists Leben als ländlicher Einsiedler sollte nur zehn Monate dauern, im Frühjahr 1803 reist er bereits wieder nach Deutschland. Zum Bauer war er in Thun nicht geworden – wohl aber zum Schriftsteller.
Das Programm zu Kleist in Thun ist auf der Website der Veranstaltungsreihe zu finden. Zur Ausstellung «Kleist und die Schweiz» erscheint zudem im September ein Katalog: Philipp Burkard/Anett Lütteken (Hgg.): »Ich will im eigentlichsten Verstande ein Bauer werden«. Heinrich von Kleist in der Schweiz. Wallstein: Göttingen 2011.
www.heinrich-von-kleist.org/kleist-in-thun-2011