Christoph Wachter (l.) und Mathias Jud.

Digitale Kultur

«Die Clients sind die Infrastruktur»

Magazin, 4. November 2011, Simon Spiegel

Anlässlich des Festivals für elektronische Kunst Shift hat das Migros-Kulturprozent die diesjährigen Förderpreise im Bereich Digitale Kultur verliehen. Unter anderem wurde das Künstlerduo Christoph Wachter und Mathias Jud ausgezeichnet: Ihr Projekt qaul.net hat geradezu revolutionäre Qualitäten.

Zwei Computer direkt, ohne Umweg übers Internet, miteinander verbinden; nur via WLAN miteinander in Kontakt treten, Daten austauschen oder chatten. Das müsste im Grunde doch ganz einfach sein. Müsste – ist es aber nicht. Tatsächlich ist die wunderbare Welt des Internets ganz auf die Trennung von Infrastruktur und Clients ausgerichtet. Ohne Provider ist der einzelne Benutzer machtlos. Genau hier setzt qaul.net von Christoph Wachter und Mathias Jud an: Das Projekt, das vom Migros-Kulturprozent mit einem Werkbeitrag in der Höhe von 20'000 Franken ausgezeichnet wurde, ermöglich es jedem, spontan ein Netzwerk aus mehreren Computern aufzubauen. Ohne einen Provider oder sonstigen Mittler dazwischen.

«Bei uns sind die Clients die Infrastruktur», fasst Mathias Jud das Prinzip zusammen. Eigentlich ist die sogennante Wireless-Mesh-Netzwerk-Technologie, die qaul.net verwendet, nichts Neues. Entwickelt wurde das Verfahren von der US Navy. Die entsprechende Software gibt es im Prinzip bereits – aber eben nur im Prinzip. «Bislang war es unglaublich mühsam, wenn nicht sogar unmöglich, ein Mesh-Netzwerk zum Laufen zu bringen», so Jud. Zu viele Komponenten müssten dafür reibungslos zusammenspielen. Mit qaul.net braucht sich der Benutzer um nichts mehr zu kümmern. Zwar bietet der aktuelle Prototyp nur ein simples textbasiertes Chatprogramm – andere Anwendungen wie Videochat, Datenaustausch und auch Clients für Twitter und Facebook sollen aber folgen.

Revolutionäres Potenzial
Angesichts der Revolutionen im Nahen Osten, bei denen soziale Netzwerke und andere Internet-Medien eine zentrale Rollen spielten, liegt der potenzielle Nutzen von qaul.net auf der Hand: Es ermöglicht einer Gruppe, sich selbst dann zu einem Netz zusammenzuschliessen und zu kommunizieren, wenn der normale Internetzugang blockiert ist. Deshalb auch der Name des Projekts: «qaul» – ausgesprochen wie das englische «call» – ist Arabisch und bedeutet Ausführung, Aussage, Rede, Wort, Spruch.

Mit den Werkbeiträgen fördert das Migros-Kulturprozent Projekte der Digitalen Kultur. Gehört eine Software mit einer so konkreten praktischen Anwendung wie qaul.net überhaupt noch in diese Sparte? Für den 45-jährigen Christoph Wachter ist das gar keine Frage. Es sei grundsätzlich falsch, die Sache aus dieser Perspektive zu betrachten. «Entscheidend ist nicht, ob ein Kunstwerk eine praktische Anwendung hat, sondern welche Fragen und Einsichten wir beim Betrachten generieren können.» Um diese Fragen überhaupt stellen zu können, müssen sie zuerst entsprechende Bedingungen schaffen. «Wir können nicht über Internetzensur nachdenken, wenn wir kein Werkzeug haben, das uns gewisse Situationen ganz konkret zeigt.»

Zugriff auf verbotene Websites
Das Duo arbeitet seit 2000 zusammen. Qaul.net ist nicht das erste Projekt, das sich mit dem Thema Internetzensur beschäftigt. Ihr Projekt picidae, das 2007 ebenfalls einen Förderbeitrag des Migros-Kulturprozent erhielt, hatte eine ähnliche Stossrichtung: Es ermöglicht den Zugriff auf Inhalte, die von Filterprogrammen eigentlich gesperrt werden, indem die Websites nicht als Textseiten, sondern als Bilder geschickt werden. Diese werden von der Software dann nicht erkannt. Das Programm ist – wie auch qaul.net – Open Source und kann von jedem benutzt und weiterentwickelt werden.

Weder Wachter noch Jud haben eine Ausbildung im Bereich Informatik. Wachter hat eine Kunstausbildung absolviert, der 37-jährige Jud war früher einmal Chemielaborant. Das notwendige Wissen haben sie sich selber angeeignet. «‹Learning by doing› ist bei uns fast ein idelogisches Prinzip», erklärt Wachter. «Wir gehen immer davon aus, dass es möglich sein muss, diese Dinge selber zu machen». Sie wollen gar keine Experten sein, meint Jud. «Unsere Kunstwerke sind eigentlich Experimente, die jeder selber durchlaufen kann». Ein Nachteil dieses weiten Kunstbegriffs ist, dass am Ende des Prozesses kein Werk steht, das man verkaufen kann. Umso wichtiger ist die Unterstützung durch Institutionen wie das Migros-Kulturprozent. Dank des Förderpreises können die beiden qaul.net nun weiterentwickeln und dann auch veröffentlichen. «Kulturförderung ist für uns substanziell, und das Migros-Kulturprozent ist hier weltweit einmalig», lobt Jud.

www.wachter-jud.net
picidae.net
www.digitalbrainstorming.ch
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