Park im Grüene: Chasperlitheater
Für Kinder zu spielen, ist kein Kinderspiel
Magazin, 28. April 2010, Simon Spiegel
Seit über 60 Jahren gibt es das Chasperlitheater im Park im Grüene in Rüschlikon, und der Erfolg beim kindlichen Publikum ist ungebrochen. – Ein Blick hinter die Kulissen eines Kindheitsklassikers.
Manche Dinge verändern sich eben doch nicht – so etwa das Chasperlitheater im Park im Grüene. Wer meint, dass die altmodischen Handfiguren im Zeitalter von Spielekonsolen, Multimedia-Handys und 3D-Kino ausgedient hätten, wird im Duttipark in Rüschlikon schnell eines Besseren belehrt. Von Ende März bis Ende Oktober finden hier bei schönem Wetter zweimal die Woche Chasperlitheater-Aufführungen statt – während der Sommerferien sogar täglich –, und jedes Mal drängen sich die Kinder auf den Bänken und warten gespannt auf das Glöcklein und das berühmte «Tra – tra – trallala».
Ende 1946 riefen Adele und Gottfried Duttweiler die Stiftung «Im Grüene» ins Leben und übertrugen ihr 45’000 Quadratmesser grosses Grundstück in Rüschlikon an diese. Ab 1947 war der Park dann für das allgemeine Publikum geöffnet, und seither wird hier auch Chasperlitheater aufgeführt. Ohne Unterbruch während mehr als 60 Jahren und immer kostenlos – das dürfte rekordverdächtig sein.
Zeitlose Klassiker
60 Jahre ist Fay Kaufmann zwar noch nicht dabei, aber mit rund 30 Jahren ist sie auf jeden Fall die dienstälteste Spielerin im Chasperli-Ensemble. Gemeinsam mit Rolf Kunz, der es doch auch auf knapp 25 Jahre Chasperli-Erfahrung bringt, gibt sie an diesem Mittwoch Mitte April das Stück «De verzaubereti Prinz» zum Besten. Wie fast alles hier hat auch das Stück etliche Jahre auf dem Buckel. Einige Geschichten mit stark religiöser Färbung könne man heute zwar nicht mehr spielen, aber sonst habe man nur ganz leichte Modernisierungen vorgenommen. «Das sind eigentliche Klassiker», meint Kunz schmunzelnd, «und niemand will, dass die sich vollkommen verändern.» Das oft simple Gut-Böse-Schema komme nach wie vor an; «die Kinder sprechen auf das Archaische an», meint Kaufmann.
Neun Schauspieler wechseln sich derzeit beim Chasperlitheater ab; sie sind alle Schauspielprofis, denn für Kinder zu spielen, ist durchaus kein Kinderspiel. Wenn man Kaufmann und Kunz während der Aufführung zusieht, merkt man schnell, dass die scheinbare Einfachheit das Ergebnis jahrelanger Routine ist. Zu zweit stehen sie in dem Theaterhäuschen und halten die Figuren ins Fenster, das die Bühne bildet. Da werden Puppen gewechselt, Requisiten hin- und herjongliert, und irgendwie muss dabei noch eine Hand frei bleiben, um den Text umzublättern – eine beachtliche Koordinationsleistung. «Wir sind derzeit dabei, den Nachwuchs nachzuziehen; die kommen am Anfang aber ganz gehörig ins Schwitzen», erklärt Kunz nicht ohne Stolz.
Schauspiel nach Gehör
Für Bühnenschauspieler zweifellos ungewohnt ist der fehlende direkte Kontakt zum Publikum. Denn Kaufmann und Kunz stehen ja unterhalb des Fensters, das Publikum sehen sie während der Aufführung nicht. Stattdessen müssen sie sich am Geschrei der Kinder orientieren, dieses ist aber zum Glück mehr als laut genug. Wenn der naive Prinz Adalbert das verhängnisvolle Zaubertuch der Hexe Amalia als Geschenk annimmt, wird er vom Publikum umgehend lautstark gewarnt. Aber natürlich zieht er sich das Tuch dennoch über, und schon muss die Figur gewechselt werden, und an Stelle des Prinzen erscheint nun unter dem Gejohle der Kinder ein schwarzer Rabe.
Nicht selten sind unter den Zuschauern drei Generationen von Chasperli-Fans vertreten: Die Kinder von anno dazumal sind mittlerweile Grosseltern, die nun mit ihren Enkeln wiederkommen; auch Kaufmann selbst war einst eine begeisterte Zuschauerin. Sie ist denn auch überzeugt: «Die Illusion funktioniert nach wie vor». Wie sehr sich die Kinder der Theaterillusion hingeben, wird spätestens nach der Vorstellung deutlich, als Kunz mit der Chasperlifigur aus dem Häuschen tritt, um direkt mit seinen Fans zu sprechen: Mit grossen Augen starren die Kleinen die Figur an, den Erwachsenen, der diese hält, würdigen sie dagegen keines Blickes.
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