«Wer gut hinhören kann, kann auch gut singen.» Valentin Vassilev aus Biel.

Klubschule Migros

«Singen ist sehr intim ...»

31. Oktober 2012, Mathias Haehl

Klassische Musik ist in der Klubschule Migros gefragt: Über 7500 Personen nutzten letztes Jahr das breite Kursangebot. Wir treffen drei Lehrkräfte, die für die Klassik und das Singen leben: Gisela Trost, Patric Ricklin und Valentin Vassilev. Sie fordern, dass auch in der Staatsschule schon früh gesungen, musiziert und getanzt wird.

«Gesang vermindert dunkle Sorgen», wusste schon der bedeutende römische Dichter Horaz. Wer singend durchs Leben geht, hat es oft leichter. Doch in wirtschaftlich dominierten Zeiten haben es die schönen Künste schwer. Kommt hinzu: «Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.» Wenn Valentin Vassilev (50) den bayrischen Volksautor Karl Valentin zitiert, dann nicht um zu lamentieren. Im Gegenteil. Der gebürtige Bulgare Vassilev liebt die Kunst. Und er ist stolz, seit bald 30 Jahren auf Bühnen zu singen.

Alles fing mit einem Auftritt in der Oper «Aida» an, da war Vassilev 22 Jahre alt. Im kommenden August folgt ein weiterer Karriere-Höhepunkt mit einem Auftritt in «Il Trovatore»: Mit dem Sinfonieorchester Camerata Schweiz unter der Leitung von Marc Tardue wird sein Chor in Schinznach-Dorf vor mehr als 20 000 Zuschauern in einer eigens gebauten Arena auftreten. «Verdi ist der Vater der Oper», sagt Vassilev. «Und als diesen muss man ihn an seinem 200. Todesjahr richtig feiern.»

Der gelernte Sänger und Dirigent war schon als Kind umgeben von Musik. In seiner Familie wurde bei jeder Gelegenheit gesungen. «Volksmusik und Klassik waren in Bulgarien auch als Träger einer politischen Botschaft wichtig», erklärt Vassilev. Bei einem Cappuccino im Caféfaro gleich neben dem Bieler Theater, an dem er einen Laienchor leitet, erzählt der Tenor, weshalb er sein Leben der Oper verschrieben hat: weil das Geschichtenerzählen mit klassischer Musik dem Bedürfnis des Menschen, sich mitzuteilen, sehr nahe kommt. «Und weil Singen sehr intim ist. Es ist ganz nahe am Herzen!»

«Nur wer gut zuhören kann, kann gut singen»

Wir können singend unsere innigsten Gefühle ausdrücken, ohne ein Instrument zu beherrschen – das heisst aber nicht, dass gutes Singen nicht auch Arbeit macht. «Dafür muss man fleissig üben. Das Ohr ist dabei entscheidend: Nur wer gut hinhört, kann auch gut singen.» Vassilev leitet unter anderem den Kurs «Musik im Ohr» in der Klubschule Migros, in dem er auch Hintergründe zur klassischen Musik vermittelt. Geschichte, Stile, Zuhören – die gesamte Palette sei wichtig.

Die Stimmen der Schülerinnen und Schüler werden mit viel Üben ausgebildet. Als Lehrer setzt Vassilev auf deren Passion und Willen, sei es im Privatunterricht, in seinen Workshops oder im Theater. «Entscheidend ist die Ausbildung in jungen Jahren», sagt er. «Wer mit 17 oder 18 professionell in die klassische Musik einsteigen will, ist definitiv zu spät dran.» Das sei wie beim Sport. Deshalb begrüsst Vassilev, dass in der Schweiz die Jugendmusikförderung in der Volksabstimmung angenommen wurde.

Valentin Vassilev fährt sich durch sein halblanges Haar, gestikuliert elegant mit seinen Händen. Er sucht die präzisen Worte – so wie er beim Unterrichten den richtigen Ton sucht. Er will fördern und ermutigen, Verkrampfungen lösen und Techniken beibringen, das Notenlesen und das Ohr schulen. «Singen ist eine Lebensschule. Ich will meinen Schülern dabei ein ehrlicher Partner sein.» Er lobt viel, doch oft folgt ein «aber …». Die Schüler dürfen auch Fehler machen, denn live klingt Musik nie so perfekt wie auf einer CD.

Dass in Krisenzeiten zuerst an der Kultur gespart wird – sei es in der Schweiz oder in seiner Heimat Bulgarien – ärgert Vassilev. «Ein Dirigent oder ein Solosänger verdient weniger als eine Putzfrau, weil viele denken, der Stellenwert der klassischen Musik in der Volkswirtschaft sei marginal.» Er schüttelt den Kopf: «Bedauerlich!» Auch als Schulfach sei Musik weniger wert als etwa Mathematik. Seine Tochter kam eines Tages nach Hause und sagte, der Musikunterricht sei ausgefallen und durch Mathe-Übungen ersetzt worden, weil die Klasse darin schlecht war. Vassilev wird plötzlich laut: «Das darf doch nicht sein!» In Schulen müsse gesungen, musiziert, getanzt werden: «Die emotionale Erziehung junger Menschen ist entscheidend für ihre Persönlichkeit!»

Ein Plus der Klassik ist Vassilev die Konzentration der Zuhörer: «Popmusik verlangt vielleicht eine Aufmerksamkeitsspanne von vier Minuten. Eine Oper, die fordert zwei oder drei Stunden.» Dafür bekommt man die ganze Welt in einer abendfüllenden Geschichte: Liebe und Tod, Konflikte und Krieg, Kontraste und Konsequenzen. Wer sich darauf einlässt, kann auch im Alltag besser konzentrieren, ist Vassilev überzeugt.

«Die ‹Zauberflöte› hat mich schnell infiziert»

Patric Ricklin (47), Bariton-Sänger und Lehrer aus Oerlikon ZH, beschäftigte sich schon als Jugendlicher mit klassischer Musik. Angefangen hat alles mit einer Kassette der «Zauberflöte», die er als Neunjähriger in drei Tagen mitsingen lernte. «Ich war schnell infiziert», erinnert er sich. Ricklin ging mit seinen Eltern in die Oper, begann als 15-Jähriger mit dem Gesangsunterricht und spielte in Bands. «Aber man musste ja auch noch etwas Gescheites lernen …», sagt er schmunzelnd. Also studierte er Geschichte und Literatur.

«Ich liebe es, Musik verschiedenster Spielarten zu vermitteln», sagt Ricklin heute. «So kann ich die ganze Bandbreite ausleben und meine Emotionalität mittels Musik auf die Spitze treiben.» Das tut er schon beim Erzählen mit starker Mimik und breiter Stimmvariation. Ricklin lebt von verschiedenen beruflichen Engagements für die Kultur. «Ich bin ein Kulturmensch diverser Farben und Facetten», sagt er. Als Sänger und Kulturmanager, als Dirigent und Chorleiter sowie als Lehrer ist er ständig zwischen Oerlikon und Steffisburg, Unterägeri, Wengen und dem Bündnerland unterwegs.

Ricklin führt ein Gesangsstudio und gibt Unterricht in der Klubschule Migros, er managt mehrere Kammermusikreihen und wirkt in Unterägeri als Kulturmanager, er singt Konzerte im E- und U-Bereich und leitet das Vokal-Quartett «aves cantantes» (Singvögel), das Kompositionen von Brahms, Rossini oder Mendelssohn mit Volksmusik mischt. Die Gagen der Veranstalter seien meistens fair, sagt Ricklin. Doch wenn er Grossfirmen für Projekte einspannen wolle, beisse er auf Granit. Daran erkenne man die aktuelle Krise – und Ricklin wird bewusst, dass klassische Musik eben nicht überall die erste Geige spielt.

Klassik kann man nicht ohne Vorwissen konsumieren

Ricklin glaubt nicht, dass die klassische Musik aus ihrer Nische herauskommt, denn sie werde immer nur von wenigen Menschen geliebt und verstanden. Opern brauchen Einführungen: «Anders als Pop kann man Klassik nicht ohne Vorwissen konsumieren.» Deshalb darf man nicht erwarten, dass die Jugendlichen einfach von alleine in die Konzertsäle pilgern: «Das waren schon früher nur rund zehn Prozent – und heute ist es ähnlich.» Die Intendanten sind also aufgerufen, die nächste Generation der Konsumenten an die Klassik heranzuführen und zu begeistern.

Gut findet Ricklin Crossover-Projekte. Der Klarinettist Daniel Häusler aus Zug, die Geigerin Bettina Boller aus Zürich oder der Cembalist Vital Frey aus Genf sind in diesem Bereich gut unterwegs – und schaffen es sogar in TV-Mainstream-Sendungen wie «SF bi de Lüt». Das «weisshaarige Parkett» werde wohl noch lange so bleiben, glaubt Ricklin, das liege aber nicht zuletzt auch am hohen Preis vieler Klassik-Anlässe.

Es sei wichtig, die Schüler nicht unter Druck zu setzen: «Musik muss spielerisch erlernt werden, wie es Kinder tun, die sich eher trauen, Fehler zu machen. Erwachsenen bereitet es eher Mühe, aus dem Richtig-falsch-Schema auszubrechen und das Lernen als Prozess zu verstehen.» Unterrichten sei das Eine, aber am liebsten arbeitet Patric Ricklin als Dirigent: «Weil ich da den Leuten klar machen kann, dass es richtig ist, was ich will.» – Zum Beispiel die Wertschätzung im Team fördern und die Persönlichkeit der Gesangsschüler stärken. Auch das schaffe die klassische Ausbildung.

«Viele stehen sich mit dem Kopf im Weg»

Eine Karriere als Starsängerin schwebte Gisela Trost (34) aus Bern vor. Sie studierte Gesangspädagogik und sang in Bands und Chören querbeet durch sämtliche Stile. Doch ein paar Jahre später liess sie ihre Karriere sausen. Heute ist sie in der Klubschule Migros pädagogische Beraterin und Managerin der Musikkurse. «Ich hatte keine Angst, einen brotlosen Job zu haben. Aber die Luft ganz oben ist sehr dünn. Und ich machte mir keine Illusionen, die zweite Callas zu sein», sagt sie und lacht. Die notwendigen Entbehrungen für eine Arbeit in der klassischen Musik waren Trost zu gross: «Die Konkurrenz ist riesig und man muss so flexibel sein, jederzeit um die Welt fliegen zu können. Und vor allem ist man als Sängerin stets Sklave des eigenen Körpers.» War sie morgens heiser, kam sie in Stress. Am Tag eines Auftritts durfte sie nicht telefonieren, um ihre Stimme zu schonen.

Heute arbeitet sie gerne für die Klubschule Migros, die grösste Erwachsenenbildnerin der Schweiz. «Unsere Kurse sind deutlich billiger als der Unterricht an öffentlichen Musikschulen», sagt Trost. «Zudem konzentrieren wir uns nicht auf das Heranziehen einer Elite, das gefällt mir.» In den Kursen werden oft späte Leidenschaften geschürt, Singen wird einfach aus purem Spass betrieben. Wie bei ihr selbst: Trost liebt das Trost spendende an Bachs Musik, sie singt selber am liebsten romantische Lieder von Schubert und Schumann und schätzt das Intime von Ella Fitzgerald und Nina Simone.

«Klassische Musik stillt die Sehnsucht nach Ritualen», glaubt Gisela Trost. Dies kann aber auch extreme Blüten entwickeln, wenn sich etwa Konzertbesucher kaum mehr zu bewegen trauen oder keinen Spontanapplaus mehr geben: «Ehrfurcht vor der Leistung ist das eine. Aber wenn der gesellschaftliche Druck in den Konzerten abschreckend wirkt – dann sägen wir uns am eigenen Ast.»

Dass sich Erwachsene beim Singen selber unter Druck setzen, hat Trost als Lehrerin immer wieder erlebt: «Viele stehen sich mit dem Kopf im Weg.» Sie möchte daher im Unterricht vor allem Ängste abbauen, den Körper lockern, die Atmung schulen und notfalls für Ablenkung sorgen – «vor Spitzentönen werfe ich den Sängern oft unvermittelt einen Ball zu.» Dieses Spielerische sei wichtig; man solle fördern, was wir uns im Alltag nicht trauen: Trial and Error, Versuch und Irrtum.

Gisela Trost bedauert, dass sich heute die Menschen für vieles zu wenig Zeit nehmen. Sie hofft, dass diese «Hysterie» bald vorbei ist und wir uns wieder auf eine abendfüllende Kultur konzentrieren. Sie spricht auch von den misslungenen Bemühungen der Klassik-Vermittler, die sich mit Beethoven-Melodien als Handy-Klingelton anbiedern: «Klassik in Häppchen zu servieren ist ein Trugschluss. Ohne die Bereitschaft der Zuhörenden greift auch das tollste Vermittlungskonzept nicht.»

Klassische Musik braucht nicht nur Zeit und Arbeit: Sie fordert von Konsument und Künstler viel Aufmerksamkeit. Diese zu vermitteln sind die Singlehrer und Musikdozenten der Klubschule Migros bereit.

www.klubschule.ch

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