Bewegung als Universalsprache

An der Comart Zürich lernt man, Bewegung zum Beruf zu machen. Studienpreisträgerin Sara Bienek über ihre Ausbildung in Bewegungsschauspiel, ihre Haltung, ihren linken Arm – und was ihre grosse Familie damit zu tun hat.

Autor: 1. April 2016, Katharina Nill

Sara Bienek richtet sich immer wieder auf, um einen geraden Rücken bemüht. «Das Studium macht eine Menge mit mir», sagt sie. Sie meint damit das Körperbewusstsein, das mit ihrem Studium in Bewegungsschauspiel an der Comart in Zürich einhergeht. So erfordert es beispielsweise, dass sie sich ihrer Haltung bewusst ist. An der Comart ist sie im dritten und letzten Jahr ihrer Berufsausbildung in Physical Theatre. Aus der Comart gehen zukünftige Jongleure und Akrobaten und Zirkuskünstler, Komiker, Tänzer, und Clowns hervor. Künstler, die sich jenseits der Sprache ausdrücken, die ihren körperlichen Ausdruck fortlaufend beherrschen lernen.

«Bewegung und Körpersprache ist eine Universalsprache, die viel weiter reicht als das gesprochene Wort. Es ist eine die Menschen verbindende Sprache. Mich berührt es mehr, wenn der ganze Körper in Aktion ist», erläutert Sara Bienek. Wie vielen anderen Künstlern in dieser Sparte ist auch ihr jene ausdrucksstarke Mimik und Gestik zu eigen, bei der sich Augen und Mund, das ganze Gesicht auf ungewöhnlich lebendige Weise formen.

Grenzen erweitern

Sara Bienek war nicht von Anfang an klar, welchen Beruf sie ergreifen will: «Vielmehr suchte ich nach einer Aufgabe, die mir erlaubt, mich auszudrücken, zu singen, Musik zu machen, um die zuschauenden Menschen zu berühren. Diese Vielfalt war schliesslich das ausschlaggebende Kriterium.» Ihre Vorstellung einer Bühne war zunächst eher träumerischer Natur: «Nach dem Motto: Wenn ich keine Scheu hätte, dann würde ich einen Bühnenberuf wählen.» Die Idee, klassisches Schauspiel zu studieren, verwirft sie bald, weil sie sich mehr Körpereinsatz wünscht. An der Comart nun hat Bienek, deren 22. Geburtstag unmittelbar bevorsteht, gefunden, was sie gesucht hat.

Ein Studium in Bewegungstheater, sagt sie, ist oft, als studiere man sich selbst. «Ich gehe mir drei Jahre lang selbst auf den Grund und konfrontiere mich laufend mit mir selbst. Wer bin ich heute und wie wirke ich damit auf der Bühne? Was macht mein linker Arm da? Was sind meine Stärken, meine Schwächen und meine Muster? Ich stosse ständig an meine körperlichen oder mentalen Leistungsgrenzen, muss diese aufbrechen und erweitern. Das kostet enorm viel Kraft, und kann gleichzeitig enorm pushen.»

Die familiäre und schulische Prägung

Bieneks Bedürfnis nach Ausdruck und Bewegung liesse sich durchaus als Resultat ihrer Prägungen als Kind und Heranwachsende lesen. «Mein Vater ist Bildhauer und Lehrer für Gestaltung. Es war das Normalste für uns, Ton, Papier und Stifte zur Hand zu haben und loszuarbeiten. Wir Kinder haben uns in seinem Atelier die Zeit vertrieben, und Nägel ins Holz schlagen gelernt.»

Sara Bienek ist die Jüngste von sechs Geschwistern. Fast alle haben Kreativberufe ergriffen. So sind ihre älteren Schwestern als Grafikerin und Instrumentenbauerin tätig. Ihre dritte Schwester schlägt mit ihrer Ausbildung an der Flic scuola di circo in Turin einen ähnlichen Weg wie Sara Bienek ein. Einer der Brüder ist Koch einer gehobenen Küche und einzig der andere Bruder fällt mit dem Studium in Wirtschaft und internationale Beziehungen ein wenig aus der Reihe der Kreativlinge.

Ihre Zeit an der Rudolf Steiner Schule Bern mit ihrer ganzheitlichen Pädagogik hat sicher «Samen gesetzt», wie Sara Bienek sagt. «Wir haben beispielsweise Gitarren gebaut, verschiedene Mal- und Zeichnungsarten kennengelernt, wir haben uns viel bewegt, musiziert und Theater gespielt. Diese Art Schule betont neben dem kognitiven Leistungsaspekt stark den persönlichen Ausdruck und alle künstlerischen Disziplinen.»

Ursprung und Gegenwart

Als es um Bieneks Ausbildungswahl geht, unterstützen die Eltern ihre Tochter, indem sie ihren Wunsch mit ihr gemeinsam prüfen: «Sie haben mir geholfen, über die Ausbildung hinauszudenken: dass ich vermutlich nicht reich werden kann, Wochenenden und Abende opfern muss, dass Energie und Selbstinitiative gefragt sein wird, um an Jobs zu kommen … Sie haben mir geholfen, mir meiner Entscheidung bewusst zu sein, und gleichzeitig signalisiert, dass sie hinter mir stehen. Das hat mir Mut gegeben.»

Ruhe und Inspiration zieht Bienek auch aus den Bergen. «Meine Mutter, die Wurzeln im Engadin hat, und mit der wir Kinder Romanisch sprechen, hat uns, sooft es ging, in die Berge gebracht. In den Bergen fühle ich mich daheim, aus ihnen ziehe ich meine Inspiration.» Das ergänzt sich mit der Ausstrahlung Bieneks, die mit ihrem gesunden Teint und ihrer Erdung ebenso gut aus einem Bergdorf statt aus Langenthal stammen könnte. Die kirschförmigen Ohrringe, die mit dem Rot ihrer Lippen harmonieren, baumeln bei jedem Lachen fröhlich mit.

In die Berge geht Bienek auch, wenn sie eine Auszeit braucht. Sie fährt mit ihrem GA ins Engadin oder ins Berner Oberland und knöpft sich einen Gipfel vor. «Ich renne halb den Berg hinauf und fordere mich körperlich derart heraus, dass der Kopf auslüften kann. Denn oft sind der Kopf und das Herz so voll, dass nur die Bewegung in den Bergen hilft!»

Studium finale

Thematisch orientiert sich der Lehrplan der Comart an Altmeister Jacques Lecoq und seinen neuen Bewegungsformen, expressiven Theater-Masken, Bouffons (Narrenfiguren), der Commedia dell‘arte, Clowns oder persönlichen Theater-Figuren. Die Inhalte werden in 8-wöchigen Modulen oder «Blockphasen» behandelt und jeweils mit einer öffentlichen Werkschau abgeschlossen. «In diesen Blockphasen gibt es nur die Comart. Wir sind den ganzen Tag dort, kommen spät abends heim, sind kaputt, essen und gehen schlafen. Bisweilen komme ich nicht einmal dazu, SMS zu beantworten – an Café-Besuche oder Ausgang ist nicht mehr zu denken! Daheim und nachts arbeitet es dann in meinem Kopf weiter.»

Sara Bienek und drei ihrer Kommilitoninnen steigen gerade in die Vorbereitungen für ihre Abschlusstournee ein. Unter professioneller Regie und Choreografie erarbeiten sie eine abendfüllende Produktion, mit welcher sie mit etwa 30 Gastspielen auf Schweizer Tournee gehen. «Wir planen eine Hommage an das bewegte Theater und seine grossen, prägenden Bühnenkünstler wie Alfredo Colombaioni, Dario Fo, Donato Sartori oder den legendären Clown Dimitri. Von Budget über Organisation, Verträge, Verhandlungen, Veranstalter bis zu Proben und Aufritten führen wir alles selbst aus.» Da bleibt nicht viel Zeit, um über den Abschluss hinaus zu denken.

Ein Preisgeld als Investition

Der jüngst gewonnene Studienpreis des Migros-Kulturprozent in Bewegungstheater stellt eine willkommene Starthilfe dar. «Natürlich habe ich auf den Gewinn gehofft, aber aus Selbstschutz nicht damit gerechnet! Der Preis motiviert mich sehr. Es war eine gute Erfahrung, mich auf einer anderen Plattform als der Schule präsentieren und messen zu können. Zusätzlich ist der Preis natürlich eine enorme finanzielle Entlastung.»

Bienek will das Preisgeld in der Höhe von 14´400 Franken für Gesangs- und Akkordeonunterricht verwenden oder beim Cellounterricht dort anknüpfen, wo sie nach acht Jahren Unterricht aufgehört hat.

«Gewiss», sagt Sara Bienek, «habe ich Vorstellungen von der Zukunft.» Aber sie sind erst dabei konkret zu werden. «Ich kann mir vorstellen, in eine grosse Theaterkompagnie einzusteigen wie etwa die Familie Flöz in Berlin. Das wäre grossartig! Toll wäre, wenn Elemente aus Maskenspiel, Tanz und Musik vertreten wären.» Alternativ hat sie die Gründung einer eigenen, kleinen Kompagnie im Sinn. «Vielleicht mit meiner Schwester, die Trapez macht? Mit ihr und minimalem Gepäck durch die Welt touren, Strassentheater machen, das freie Arbeiten erleben – das wär´s!»

Sara Bienek schliesst mit diesem Wunsch an die Uridee des Zirkus an und setzt die Tradition der Bewegungskünstler, der Mimen weiter: Das Abenteuer Reisen mit der Körperarbeit zu verbinden und als umherziehende Kompagnie dem Leben etwas Poesie und den Menschen Begeisterung einzuhauchen.


Foto: Nicolas Bachmann