Brot und Spiele?

Michael Frei trifft mit seinen hybriden Formen aus Game und Animation einen Nerv der Zeit. Das Migros-Kulturprozent unterstützt sein neues Projekt Kids, in welchem er grundlegende Fragen der Gesellschaft verhandelt.

Autor: 1. Januar 2017, Katharina Nill

Michael Frei ist Animationsfilmemacher. Sein Studio liegt in einem lichtdurchfluteten, romantischen Hinterhof-Atelier im Zürcher Triemli. In dem Raum, in dem rund 30 Freischaffende arbeiten, hat sich Frei zwei Schreibtische zu einer Insel zusammengestellt. Die Stimmung hier ist konzentriert, man spricht leise. Nur aus einem Nebenzimmer dringt das Geräusch von Pingpong.

Im separaten Konferenzraum erzählt Frei von seinem aktuellen Projekt Kids. Für dasselbe hat er soeben 5000 Franken vom Migros-Kulturprozent erhalten – im Rahmen der Werkbeiträge für Digitale Kultur. Aus 21 eingereichten Arbeiten hat es Kids unter die 5 ausgezeichneten Projekte geschafft. Projekte, die zeigen, dass digitale Medien nicht nur ästhetisch ansprechende Kunst hervorbringen, sondern sich auch mit gesellschaftlichen Fragen und Herausforderungen befassen.

Grundfragen der Gesellschaft

Bei kalkulierten Produktionskosten von fast 400´000 Franken für das in Kurzfilm und Spiel gegliederte Projekt muten 5000 Franken Werkbeitrag wie ein Tropfen auf dem heissen Stein an. «Ich freue mich über jeden Franken», sagt Frei, der in seiner zurückhaltenden Art ungemein aufrichtig wirkt. Thematisch befasst sich Kids mit der Masse, der Gruppe und dem Verhalten in ihr. In den Skizzen zum Projekt tummeln sich Figuren, die identisch aussehen. Sie folgen einander oder laufen voreinander weg, springen in Löcher oder schweben durch luftleeren Raum.

«Folgen und gefolgt werden ist heute, im digitalen Zeitalter, ein grosses Thema», sagt Michael Frei. «Mich interessiert, wie man sich zueinander verhält, wenn Eigenschaften und äussere Merkmale als Unterscheidungsmerkmale wegfallen. Die Figuren in Kids sind entmenschlicht, haben keine Haare, kein Geschlecht: mit diesem Stilmittel verstärkt sich der Eindruck von der Gesellschaft als Masse, Strom oder Fluss – und von der Macht und Ohnmacht, die entsteht, wenn alle in dieselbe Richtung schreiten.»

Mehr noch als Inhalte reizen Michael Frei die Grenzen des Mediums, die Entwicklung: er will entdecken, weniger unterhalten. Der junge Mann mit den kurzen, dunklen Haaren und einer vornehmen Blässe wirkt besonnen, seine Antworten wie Überlegungen. «Das grösste Publikum finde ich online, doch seine Aufmerksamkeitsspanne ist kurz. Ursprünglich sind Filme ja für ein passives Publikum angelegt: eines, das da sitzt und bedient werden will. Der Nutzer des Internet hingegen will sich bedienen, wie bei Games.»

User-Bedürfnisse befriedigen

Aus seinem ersten Animationsfilm Not about us (2012), der in seinem Auslandsjahr an der Estnischen Kunstakademie in Tallinn entsteht, lernt Frei eine Lektion: «Nur 10 Prozent der User, die auf Play drückten, schauten sich den 3:37-Minuten langen Film zu Ende an.» Er fragt sich: «Wie ist ein Kurzfilm so umzuformulieren, dass er auch online funktioniert – und wie würde ich selbst gerne online Filme konsumieren?» Und realisiert: «Interaktiver Film bedeutet für mich nicht, dem Film verschiedene Handlungsstränge zu geben, sondern die Welt des Films interaktiv erlebbar zu machen. Beispielsweise, indem der User mit den Figuren interagiert.»

Während sein Folgeprojekt, der Kurzfilm Plug & Play (2013), über die Festivalwände dieser Welt flimmert, begibt sich Frei auf die Suche nach einem Game Designer. Einem, der sich wie Frei für das Programmieren von Computerspielen abseits der Normen in der globalen Games-Ökonomie interessiert: «Doch fast alle Gesprächspartner wollten aus Plug & Play ein Jump´n´Run-Spiel, Puzzle oder Adventure-Game machen.»

In Mario von Rickenbach findet er den Richtigen: «Wir fanden dieselben, eher unbekannten Spiele gut: Windosill, zum Beispiel.» Und so tüfteln die beiden an einer interaktiven Version des Films Plug & Play, welche nachträglich als App erscheint. Die Vermutung von Frei bestätigt sich: «Mit Spiel und Film erreiche ich nicht nur mehr Publikum, sondern auch ein anderes. Über 200´000 Menschen haben bisher den Film angeklickt. 15 Prozent davon sehen den Film zu Ende an, über 70 Prozent spielen das Game fertig.»

Neue Produktionsweise

Aus strategischen Überlegungen heraus bieten die beiden das Spiel für 3 Franken im App Store an. «Unser Spiel bricht mit den üblichen Erwartungen an Games. Es ist kein klassisches Game-Game, weniger kommerziell. Dadurch, dass der User eine Kaufentscheidung treffen muss, setzt er sich eher mit dem Spiel auseinander, bevor er es herunterlädt – wir minimieren so die Wahrscheinlichkeit schlechter Bewertungen.» Und in der Tat: das Spiel ist mit 4,5 von 5 Punkten bewertet, über 150´000 Mal hat es sich bisher verkauft. Frei: «Es war ein Überraschungserfolg!»

Für Aussenstehende wird Kids ähnlich anmuten wie Plug & Play, doch in der Produktionsweise wagen Frei und von Rickenbach ein grosses Experiment: zum ersten Mal produzieren sie ein Film und Game gleichzeitig statt nacheinander. «Ich wollte, dass sich diese beiden Produkte gegenseitig beeinflussen. Die Setzungen für das Spiel haben erheblichen Einfluss auf das, was ich im Film zeigen kann und will. Massenszenen wie in Kids wären im klassischen Animationsfilm nur unter grösster Mühen produzierbar, da man so viel zeichnen müsste. Ohne Programmierer könnte ich das nicht machen.»

Wink des Schicksals

Wie kommt man zur Animation? Michael Frei, gebürtiger Appenzeller, zieht in seiner Kindheit und Jugend oft um und findet in seinem Computer eine der wenigen Konstanten. Schon früh probiert er «Dinge damit aus», stellt fest, «dass man damit zaubern kann.» Wegen schlechter Noten in Französisch bricht er die Schule ab und macht eine Lehre als Hochbauzeichner. Die geraden Linien, die er dort jeden Tag zu zeichnen lernt, übertragen sich bald auf seinen gesamten Alltag. «Ich hatte Mühe mit dem strukturierten Alltagstrott.»

Seinerzeit schon musiziert er viel, nimmt seine Musik auf, fügt eigene Zeichnungen hinzu, bastelt Websites mit Zeichnungen. «Damals habe ich noch nicht den Link zum Animationsfilm gemacht. Ich habe Zeichnungen aufgenommen, die sich dann auch noch bewegt haben. Daneben habe ich mich für Making-ofs von Filmen interessiert – mehr als für die Filme selbst. Erst nach Abschluss meiner Lehre habe ich realisiert, dass dies Animation ist und dass man das studieren kann.»

Er beginnt an der Hochschule Luzern mit dem Animations-Studium und erlebt einen Dämpfer, als sich das erste Jahr nur als Vorbereitung aufs tatsächliche Animieren entpuppt. Er bricht ab, und eine Mischung aus Willkür und Glück führt ihn für ein Jahr nach Tallinn, wo er in der Masterklasse landet – der einzigen Klasse, die auf Englisch angeboten wird. «Endlich konnte ich mit Leuten zusammenarbeiten, die schon wussten, was sie wollten, bereits einen Background hatten, und Diskussionen auf einem ganz anderen Niveau ermöglichten.» Das Studium und Leben erfordern viel Eigeninitiative, doch Frei fühlt sich ermutigt und lernt «unendlich viel» in dieser Zeit.

Film als Sprache

Die drei Projekte von Michael Frei ähneln sich, da sie strukturell auf Paaren oder Kontrasten beruhen. So sind alle Filme in schwarz-weiss produziert, thematisieren Mann–Frau, Licht–Dunkel, On–Off, Stecker–Steckdosen, Bleiben–Gehen oder Fallen–Stehen – und verhandeln so existenzielle Themen wie Liebe, Existenz, gesellschaftliche In- und Exklusion. Hier werden keine isolierten Verhältnisse betrachtet, sondern die Relation zwischen den Dingen. Frei: «Ich verstehe Film als Sprache und Sprache als System. Mich fasziniert der Versuch der Philosophie, Dinge in einer Struktur anzuordnen – und eigentlich versuche ich dasselbe mit dem Film.» Er versteht Strukturen als Gefässe, Verhältnisse zu ordnen und Erkenntnis zu erleichtern.

«Auch hat es für mich etwas Schönes, Ordnungen zu schaffen. Nicht anders in der Kunst, wo der goldene Schnitt für eine Struktur steht, die als ästhetisch gilt. Im Film strukturiere ich allerdings nicht nur Bild und Inhalt, sondern auch Zeit, Tempo und Rhythmus. In dieser Hinsicht sind sich Film und Musik sehr ähnlich. Diese Parallelen empfinde ich als reizvoll.» So spielt Musik nach Plug & Play auch in Kids eine grosse Rolle. Sie ist mit einem Kinderchor aus Riga, Lettland, aufgenommen worden. «Im Film hat Musik die Rolle, dem Zuschauer die Zeit zu geben, sich Fragen zu stellen und ihn auf einen Übergang oder ein Ende vorzubereiten. Beim Game funktioniert das anders: der Spieler braucht direktes Feedback.»

Verkäufliche Kunst

Es fällt Michael Frei leichter, über sein Handwerk zu sprechen als über die Inhalte seiner Kunst. Ähnlich einem Künstler, der nicht anders vermag, als seine Kunst hervorzubringen, während der Verkauf seiner Kunst zweitrangig ist. Doch Frei insistiert: «Natürlich sollten sich meine Projekte verkaufen, wenn ich als Spieleentwickler überleben will. Ich möchte jedoch keine Projekte machen, welche sich marktwirtschaftlichen Zielen unterordnen. Gleichzeitig sehe ich in Projekten, die Kunst und Populärkultur bedienen, keinen Widerspruch.»

Arte und SRF treten als Ko-Produzenten von Kids auf, bis dahin war es ein weiter Weg. «Wir haben zwei Jahre an der Finanzierung gearbeitet», erzählt Frei. «Games bilden bisher noch keine Fördersparte. Das wird sich mittelfristig vermutlich ändern, da der Film weniger wichtig wird und die neuen Medien nicht mehr ‹neu› sein werden. Ich habe die Hoffnung, dass die Politik das erkennt und ihre Gelder anders verteilen wird.» Die zahlreichen Preise, die von Rickenbach und Frei für Plug & Play gewonnen haben, geben da viel Hoffnung auf ein Umdenken.

Michael Frei trifft einen Nerv von Innovation. Und wie ergeht es den Spielern mit dieser Form von «expanded animation»? Auf Let´s Play, einem Kanal bei dem Spieler Games das erste Mal spielen und sich selbst und ihren Monitor währenddessen filmen, sagt einer: «This is the weirdest game ever. This game does not mean anything. There is no reason for this game. Maybe there is some societal impact on this game. But this is going to starve you for the rest of the day.» Der Spieler bleibt hinter seinen eigenen Erwartung zurück, «hungrig» und unbefriedigt. Für eine Gesellschaft des Überflusses und Überdrusses wäre zu hoffen, dass Hunger zu einem Sehnsuchtsort wird, den sich noch viele im App Store einkaufen.


Website von Michael Frei
Website zu Plug & Play