«Eine Gentech-Tomate übertrifft den Computer»

Die Biowissenschaften haben die Kunst erreicht – oder umgekehrt? Ein neues Buch des Migros-Kulturprozent zeigt: Im Grenzgebiet zwischen Life Sciences, digitaler Kunst und Performance sind die Bio-Hacker zu Hause. Gerfried Stocker, der künstlerische Leiter des Ars-Electronica-Festivals, gibt uns Einblicke in die bio-artistische Avantgarde.

Autor: 7. Mai 2013, Gerfried Stocker im Gespräch mit Dominik Landwehr

Die Do-it-yourself-Bewegung hat mittlerweile auch die Sphäre der Biologie erreicht und umfasst ein weites Spektrum: von der traditionellen Beobachtung von Säugetieren und Vögeln über Untersuchungen von Bakterien und Zellen bis zur Herstellung von eigenen Beobachtungs- und Analyseinstrumenten. Die Ansätze dieser Do-it-yourself-Science lassen sich als eine Brechung der hoch entwickelten Biowissenschaft interpretieren. Eine zweite Brechung erfährt die Do-it-yourself-Bewegung im Medium der Kunst.

Gerfried Stocker ist seit 1995 gemeinsam mit Christine Schöpf künstlerischer Leiter der Ars Electronica. Das jährlich in Linz stattfindende weltweit renommierte Festival beschäftigt sich mit der Verbindung von Kunst, Technologie und gesellschaftlichen Fragestellungen.

Gerfried Stocker, die Ars Electronica thematisiert seit über zehn Jahren vermehrt Fragen der Biologie. Wie kommt das?
Seit ihren Anfängen im Jahre 1979 thematisiert die Ars Electronica die Veränderungen der Gesellschaft durch neue Technologien im Medium der Kunst. Zunächst standen digitale Technologien im Fokus. In den 1990er-Jahren haben Künstler dann begonnen, die Biotechnologie zu thematisieren, und das fand im Festival seinen Niederschlag –zunächst als Simulation von natürlichen Prozessen am Computer ging. «Artificial Life» ist ein Stichwort dazu. 1996 wurde das Schaf Dolly geklont, und das hat uns enorm beschäftigt. Seit 1999 sind Fragen der Biologie nicht mehr ein Nebenthema, sondern ein Schwerpunkt des Festivals.

Aber die Digitaltechnologie ist immer noch Teil des Festivals?
Das Digitale, die Netzwerke – das sind Themen, die für uns nach wie vor sehr wichtig sind. Die Digitaltechnologie sorgt noch immer für eine enorme gesellschaftliche Dynamik. Jüngstes Beispiel sind die Social Media: Wir erleben hier fast prototypisch die Auswirkungen einer Technologie auf Kultur und Gesellschaft. Wir wollen da arbeiten, wo Veränderungen spürbar sind, wo es brenzlig ist. Aber wir wollen auch den Blick dahin lenken, wo die nächsten Entwicklungen geschehen, und das ist der Bereich der Life Sciences. Deshalb haben wir in unserer Dauerausstellung 2009 mit dem Bereich «Neue Bilder vom Menschen» einen Schwerpunkt gesetzt. Hier geht es um Biologie, Gentechnik und Hirnforschung.

Es gibt ein relativ aktuelles Beispiel für den Zusammenhang von Digitaltechnik und Biologie: Die Entzifferung des menschlichen Genoms wäre ohne massiven Computereinsatz nicht möglich gewesen.
Nicht ohne Rechenleistung und ohne Robotik! Zudem war das von Anfang an ein Cloud-Projekt. Hunderte von Rechenzentren mussten zusammenarbeiten, um diese Datenmengen zu verarbeiten. Das ist ähnlich wie beim Large Hadron Collider (LHC) am CERN. Auch hier sind Dutzende von Rechenzentren beteiligt, um die enormen Datenmengen dieser Experimente zu bewältigen. Bei der Entzifferung des Genoms brauchte es auch Robotik, um die ganzen Pipettierungen in hoher Geschwindigkeit vornehmen zu können. Ich sehe aber eine Gefahr darin, zu viele Analogien zwischen der Computertechnologie und der Gentechnik zu sehen. Sprachlich wird das dann als «Code des Lebens» bezeichnet. Der Begriff suggeriert, dass diese Vorgänge ähnlich wie ein Computerprogramm ablaufen und kontrollierbar sind. Die Arbeitsprinzipien eines Gentechnikers und eines Informatikers unterscheiden sich aber fundamental. In der breiten Öffentlichkeit sieht man seit den 1990er-Jahren die Biotechnologie durch die Brille der Informatik zu sehen. Dieser Fehler wird erst jetzt langsam korrigiert, nicht zuletzt durch die Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern.

Wie ist es für Kunstschaffende überhaupt möglich, in diesem hochkomplexen naturwissenschaftlichen Feld aktiv zu werden?
Es gibt zwei verschiedene Arten des künstlerischen Zugangs: Die einen halten zum Beispiel die Digitaltechnik für ein gutes Instrument, um damit ihre Ideen umzusetzen. Die andere Gruppe sieht ein neues Medium und untersucht dieses sowie seine Auswirkungen. Man kann auch mit künstlerischen Mitteln untersuchen, welche Bedeutung eine Technologie in der Gesellschaft hat. Bei der Computertechnologie war dies der Bereich der Kommunikation und Interaktion. Einer der ersten Künstler, der so arbeitete, war Robert Adrian. Schon Anfang der 1980er-Jahre hatte er erkannt, dass Computer nicht nur ein neues Instrument sind, sondern ihr Potenzial in der Vernetzung und der Veränderung der Kommunikationsstrukturen liegt. Um dies zu untersuchen, realisierte er mit einfachen Technologien exemplarische Netzwerksituationen, etwa das Projekt «Die Welt in 24 Stunden». Ganz ähnlich ist es nun auch in der Biotechnologie. Ein Künstler braucht kein Biotechlabor, um eine Aussage zum Thema Biotechnologie zu machen. Peter Gerwin Hoffmann realisierte in den 1980er-Jahren ein Projekt, für das er bei einem Kandinsky-Bild Bakterienproben entnahm, diese Bakterien danach züchtete und schliesslich ausstellte. Das ist nicht schwierig, aber in seiner Aussage ein tolles Projekt.

Aber es gibt auf der anderen Seite schon Künstler, die auch in richtigen Labors arbeiteten?
Das geschah nach und nach, ähnlich wie auch in der Digitaltechnik. Anfang der 1960er-Jahre gab es nur wenige Künstlerinnen und Künstler, die zu den Bell Labs in den USA Zugang hatten und mit der neuen Technologie arbeiten konnten. Interessant ist aber auch die Frage, wie Wissenschaftler dazu kommen, Künstler in ihre Labors zu lassen. Dieser Austausch ist nicht einfach, da lauern viele Fallen. Es geht nicht um gegenseitige Dienstleistungen nach dem Motto «Künstler hilft Wissenschaftler beim Darstellen seiner Ideen» und umgekehrt. Es gehört zu den Qualitäten des Künstlers, hinter die Dinge schauen zu wollen. Nicht ohne Grund wird in diesem Zusammenhang immer wieder die Renaissance zitiert. So wird es auch in der Biotechnologie sein.

Der australische Performancekünstler Stelarc experimentierte in den 1980er-Jahren handfest in diesem Gebiet und entwickelte seine «Body Art». Sei es, indem er seine Muskeln per Internet fernsteuern liess, live mit einem Endoskop eine Skulptur im Inneren seines Körpers zeigte oder sich sogar ein künstliches Ohr mit Bluetoothanschluss implantieren liess.
Hier ging es um das Zusammenwachsen von Mensch und Maschine: Der Mensch wird zum Cyborg. In der Biotechnologie geht es einen Schritt weiter: Eigentlich ist eine gentechnisch veränderte Tomate eine Maschine, die den Computer übertrifft. Bis dahin war es das Eindringen des anorganischen Materials in den Körper. Mit der synthetischen Biologie passiert ein Paradigmenwechsel. Die tote Maschine interessiert gar nicht mehr. Es geht um das Leben selber. Wir lassen erst das industrielle und auch das Computerzeitalter hinter uns.

Würden Sie die Arbeiten von Eduardo Kac dazuzählen?
Kacs erste Projekte waren sehr konzeptionell. In «Genesis» etwa übersetzte er das Bibelzitat «Macht euch die Erde untertan» zuerst in einen Morse- und dann in einen DNA-Code, stellte diese DNA in einem Labor her und pflanzte sie in ein Bakterium ein. Zeigen konnte man das Bakterium nur unter ultraviolettem Licht. Dieses Licht wiederum veränderte aber das Bakterium und den DNA-Code. Der Künstler analysierte die veränderte DNA erneut und übersetzte sie zurück. Das ist eine wunderbare konzeptionelle Arbeit, weil sie alle Stadien zeigt und die Analogien zwischen Computertechnik und Biologie thematisiert. Zum Glück wissen wir mittlerweile, dass alles viel komplexer ist. Erst danach landete Kac bei seinen bekannteren Projekten: Er wollte einen grünen Hund züchten oder einen fluoreszierenden Hasen. Hier ging es wohl mehr um die Idee und ihre Kommunikation. Zuletzt baute er DNA-Teile von sich in eine Pflanze ein. Auch das ist wieder eine stark symbolische Geschichte, die nur durch intensive Kooperation mit Wissenschaftlern umgesetzt werden konnte und Neuland war. Der Künstler geht zwar in hoch entwickelte Labors, aber er hat immer eine Metaerzählung drin, die uns hilft zu verstehen, was in unserer Welt passiert.

Das wäre auch der Schlüssel zum umstrittenen Projekt «May the Horse Live In Me», bei dem sich eine Künstlerin Pferdeserum injiziert.
Das Projekt, das an der Ars Electronica 2011 die Goldene Nica im Bereich Hybrid Art gewann, hat eine enorme Radikalität. Es ist vergleichbar mit den Arbeiten von Stelarc. Normalerweise wird gefragt: Darf der Mensch der Natur so etwas antun? Der Mensch kann sich aber aus dieser Gleichung nicht herausnehmen. Das Projekt mit dem Pferd führt uns zurück zur Frage: Dürfen wir uns selbst das antun? Denn was wir der Natur antun, das tun wir uns selber an. Hier ist klar: Der Mensch ist Akteur, aber auch Objekt. Dieses Projekt löste enorme Kontroversen aus, weil es für viele diese Schmerzgrenze überschritten hat.

Wo bringen wir die Do-it-yourself-Biokunst unter? Sie ist weder rein konzeptionell noch spielt sie in grossen Labors. Hier geht es um Lowtech und die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse für die Kunst verwertbar sind.
Eine der spannendsten Lehren aus der Internetgeschichte lautet: Die wichtigsten Erkenntnisse gewinnt man dort, wo man selber aktiv wird und den Respekt verliert – wo man Dinge macht, die nicht von der Industrie geplant sind, oder wo man selber etwas baut, zum Beispiel einen Piratensender, einen Computer, ein interaktives Interface. Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, arbeitete nicht für einen Konzern und wollte ein Produkt erfinden, er wollte mit einfachen Mitteln das Problem des Austausches lösen. Das war auch eine Do-it-yourself-Arbeit.

Dann ist die Do-it-yourself-Idee nicht das Feld von Freaks, die in ihren Hinterhöfen verrückte Dinge basteln?
Wenn man sich die Prototypen des Apple-Gründers Steve Wozniak ansieht oder die erste Maus von Douglas Engelbart … das waren Do-it-yourself-Arbeiten. Firmen wie Kodak oder Xerox haben das nicht geschafft.. Man hat die Bastelarbeiten der eigenen Leute nicht ernst genug genommen. Die Do-it-yourself-Aktivisten haben ein wenig den Ruf, die modernen Robin Hoods zu sein.Ihre. Bewegung macht eine Art Landnahme von neuen Gebieten, sie ermächtigt die Leute. Sie geht von der Überlegung aus, dass hier etwas so Wichtiges passiert, dass man es nicht einfach der Industrie, den Leuten mit Macht überlassen kann. Das Do-it-yourself-Konzept beteiligt die Menschen, macht sie zu Akteuren. In dem Moment, wo ich selber etwas gemacht habe, kann ich auch Verantwortung übernehmen.. Auch die Industrie beginnt, das hohe Potenzial zu erkennen. Gerade in den USA wird dies heute forciert, weil man sieht: Hier entstehen die grossen Ideen und die Betriebe von morgen …

Die Aktivisten betonen, dass es nicht nur um die Qualität der Arbeiten geht, sondern auch um die Möglichkeit, sich auszutauschen.
Das bewahrt sie davor, dass gute Ideen in den Tresoren der Patentanwälte landen. Deshalb ist der Open-Source-Gedanke so wichtig. Es gibt auch ein Open-Source-Kernfusionsprojekt. Natürlich wissen wir, dass man einen Fusionsreaktor nicht in der Garage bauen kann. Aber der Grundgedanke, dass sich ganz viele Leute mit unterschiedlichem Hintergrund zusammentun, um eine Idee zu entwickeln, der ist schon enorm wichtig. Das ist der beste Schutz davor, dass sich ein Konzern die Idee unter den Nagel reisst. Gerade in der Biotechnologie ist ja eines der grössten Probleme die Patentierbarkeit von lebendigen Organismen.

Und wo liegt die Bedeutung dieser Bewegung für die Kunst?
Es gehört zu den Eigenschaften der Kunst, stellvertretend für die Gesellschaft in solchen Prozessen dabei zu sein. Damit erzeugt sie eine Leistung, die nicht nur im Kunstwerk begründet ist, sondern in ihrem Anspruch. Zudem gibt es auch einen pragmatischen Hintergrund: Wenn ich das Feld der Biologie und Biotechnologie künstlerisch untersuchen will, muss ich mich auf die Werkzeuge einlassen. Das war in der Computerkunst nicht anders: Viele Künstler lernten das Programmieren. Mit der Zeit gab es dann einfachere Werkzeuge wie das Musikprogramm Max/MSP und die Künstler begannen, ihre selbst entwickelten Tools anderen zur Verfügung zu stellen. Do-it-yourself und Open Source sind nicht voneinander zu trennen. Man kann die Arbeit nicht davon abhängig machen, ob man in einem Labor geduldet wird oder nicht.

Die Do-it-yourself-Bioarbeiten wirken zum Teil etwas harmlos. Stört Sie das nicht?
Darum geht es nicht. Es geht hier darum, sich Werkzeuge anzueignen und stellvertretend für die Gesellschaft diese Landnahme zu machen. Das war in den frühen Phasen der Telekommunikationskunst nicht anders. Da tauschte man Musik zwischen San Francisco und Vancouver, die zum Teil schrecklich getönt hat. Der Wert dieser Arbeiten lag aber nicht in der Musik: Es ging um die Bedeutung von globalen Netzwerken. Das hat mit Menschen zu tun: Welche Handlungsoptionen ergeben sich da für den Menschen? Man findet in allen Epochen der Kunst Protagonisten, die das Neuland kartografieren. Sie wollen keine schönen Bilder malen. Deshalb ist es auch nicht wichtig zu fragen, ob das gute Wissenschaft ist oder gute Kunst. Es geht um die Qualität des Versuchsaufbaus. In zehn Jahren schauen wir dann, was daraus geworden ist.

Do-it-yourself-Bio als demokratische Bewegung?
Die Aufgabe der Kunst ist nicht, die Wissenschaft zu popularisieren, dafür muss die Wissenschaft selber sorgen. Die Kunst hat aber das Potenzial, die Gesellschaft weiterzubringen. Deshalb muss sie völlig frei arbeiten können. Man darf die Kunst nicht instrumentalisieren, sonst wird sie ihre Kraft verlieren. Und gerade dies geschieht heute, im Hype um die Kreativindustrie. Die eigentlichen Qualitäten der Kunst gehen dabei vor die Hunde.

Ein Wort zur Zukunft: Wird es da einen Platz für Dinge wie die Do-it-yourself-Biobewegung geben, oder halten Sie das für ein vorübergehendes Phänomen?
Das wird zweifelsohne eine starke Bewegung bleiben, vor allem auch ein Innovationsfaktor. Es mag sein, dass die künstlerische Relevanz beziehungsweise das Interesse der Künstlerinnen und Künstler an Do-it-yourself-Bio zurückgehen wird, wenn Biotech einst so selbstverständlich sein wird wie der Computer heute. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Die ungekürzte Version des Gesprächs ist erschienen in «Home Made Bio Electronic Arts. Do-it-yourself: Mikroskope, Sensoren, Klangexperimente» (Migros-Kulturprozent und Christoph Merian Verlag, 2013).

Auch E-Book erhältlich: www.merianverlag.ch.
Mehr zum Buch auf www.digitalbrainstorming.ch

Ganz Ohr: Der australische Performancekünstler Stelarc. Ganz Ohr: Der australische Performancekünstler Stelarc.
Der fluoreszierenden Hasen von Eduardo Kac. Der fluoreszierenden Hasen von Eduardo Kac.
«Es geht hier darum, sich Werkzeuge anzueignen»: Gerfried Stocker. «Es geht hier darum, sich Werkzeuge anzueignen»: Gerfried Stocker.