«Heute ist eine fehlende Matura kein Hindernis mehr»

Mit weit über acht Millionen Teilnehmerstunden ist die Klubschule Migros die wichtigste Institution der Erwachsenenbildung in der Schweiz – für Privatkunden ebenso wie für Firmen, Institutionen und für Ausbildende. Andrea Ming, die Leiterin der zuständigen Direktion im MGB, erläutert, wie die vielfältigen Angebote zur persönlichen und beruflichen Entwicklung zusammenhängen.

Autor: 14. Mai 2013, Andrea Ming im Gespräch mit Stefan Kaiser

Im Frühjahr 1944 warb die Migros mit einem kleinen Zeitungsinserat erstmals für Sprachkurse: Für bescheidene fünf Franken pro Monat konnte man Italienisch, Französisch, Englisch, Spanisch oder Russisch lernen. 1400 Lernwillige meldeten sich an, und diese Anzahl übertraf alle Erwartungen: Der Grundstein für die Klubschule Migros war gelegt. Aus der kleinen Annonce entstand die grösste und bedeutendste Erwachsenenbildnerin der Schweiz mit jährlich rund 400'000 Kundinnen und Kunden in 600 verschiedenen Kursen und Lehrgängen. Bildung soll, so lautet das Credo der Klubschule Migros, für alle Menschen in allen Lebenssituationen zugänglich sein – um «täglich besser Leben zu lernen».

In einem zersplitterten und unübersichtlichen Markt tritt die Klubschule Migros mit klarer Stimme auf und ist dabei oft Trendsetterin. Jüngste Beispiele sind die bildungspolitische Forderung nach mehr Vergleichbarkeit der Angebote, der schweizweite Standard der «Diploma»-Abschlüsse oder das Erarbeiten von Lernwegen, welche die Karriereplanung in einem europäischen Raster erlauben. Die Klubschule Migros legt dabei das Augenmerk auf die Chancen durch Weiterbildung. Eine Bildungslücke wird so nicht zur Sackgasse, sondern zu einem Ansporn, die nächste Etappe anzugehen. Mitverantwortlich für die zeitgemässe Ausrichtung der Klubschule Migros  ist Andrea Ming. Sie leitet seit Herbst 2012 im Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) die Direktion Koordination Klubschule.

Andrea Ming, sind Sie gerne in die Schule gegangen?
Na, ja [schmunzelt] … bis zur Sekundarstufe war das eher ein Geknorze. Nachher war es vor allem eine einzelne Lehrerin, die mich fürs Lernen motiviert hat. Als ich später dann den Transfer der Schulinhalte in die Jobwelt machen konnte, wurde es für mich richtig spannend.

Die Schulbildung gilt bei uns noch immer als Fundament für eine Karriere.
Zu meiner Schulzeit standen einem nur mit der Matura alle Türen offen. Und ergänzend zur Hochschule gab es noch spezifische Weiterbildungen für bestimmte Funktionen, so erwarb ich zum Beispiel ein Executive MBA. Heute dagegen ist eine fehlende Matura kein Hindernis mehr; man kann fast jedes Ziel auf verschiedenen Wegen erreichen. Letztlich gibt die Kombination von Bildung und Erfahrung den Ausschlag. Doch ein grosser Bildungsrucksack erleichtert natürlich die weiteren Karriereschritte.

Wie unterstützt die Klubschule Migros die Menschen dabei?

Unser Angebot setzt in den meisten Fällen nach der beruflichen Grundbildung an: Unabhängig davon, in welcher Lebensphase sich eine Person befindet, bieten wir einen Kurs oder Lehrgang zur persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung. Dabei konzipieren wir aber nicht einfach Kurse, die für sich alleine stehen, sondern wir schauen uns ganze Lernwege im Kontext an, damit wir die Teilnehmenden Schritt für Schritt zu einem höheren Abschluss hinführen können.

Ein ganz anderer Ansatz sind Ihre niederschwelligen Angebote.
In vielen Bereichen führen wir auch Einsteigerkurse durch, damit sich Interessierte ohne Stress auf etwas Neues einlassen können. Ein anderes Beispiel sind die Sprachkurse für Migranten, wo es uns ebenfalls darum geht, Brücken zu einem Lernweg zu bauen: Sprachkenntnisse sind ja die Voraussetzung, um überhaupt einen Einstieg ins Bildungssystem zu finden. Auch im Freizeitsegment haben wir einerseits niederschwellige Angebote – etwa beim Zeichnen, Malen und in der Fotografie –, andererseits bieten wir Kurse an, die eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema erfordern. Ein Beispiel sind M-Art-Kurse, für die wir in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste europaweit anerkannte ECTS-Punkte vergeben. Damit decken wir die ganze Bandbreite ab – vom Hobby über die Chance für einen Berufseinstieg bis hin zum Leistungsnachweis für das Weiterstudium an einer Hochschule.

Die Klubschule Migros möchte also unterschiedliche Einstiege auf ganz verschiedenen Bildungsniveaus ermöglichen?

Genau! Unser Ziel ist es, Lernwege aufzuzeigen und bestehende Lücken zu schliessen – auf allen Stufen. Auf der andern Seite wollen wir im Schweizer Bildungsmarkt eine grössere Transparenz herstellen und zeigen, wie sich ein einzelnes Angebot in die Bildungslandschaft insgesamt einordnet. Wir sind gerade dabei, unsere Weiterbildungen im nationalen Qualifikationsrahmen (NQR) zu positionieren. Damit wird ein Kurs oder Lehrgang transparenter und besser vergleichbar. Die Teilnehmenden selbst, aber auch andere Schulen und nicht zuletzt Arbeitgeber – alle wissen dadurch genau, welche Kompetenzen jemand auf welchem Niveau erworben hat. Bei dieser Einbettung ins Bildungssystem geht es aber auch um die Gleichbehandlung staatlicher und privater Anbieter, etwa bei Fragen der Finanzierung.

Als Ausdruck Ihres sozialen Engagements werden die Sprachkurse für Migranten wahrgenommen.
Historisch gesehen standen Sprachkurse am Ursprung der Klubschule Migros, in diesem Angebotsbereich haben wir uns von Anfang an eine hohe Kompetenz und viel Know-how erarbeitet. Deshalb sind wir unter anderem auch ein wichtiger Partner für das Bundesamt für Migration. Wir übernehmen nicht nur Sprachkurse, sondern auch weitergehende Aufträge, etwa wenn es darum geht, Ausbildungsinhalte und Module für Migranten zu entwickeln. So sind zum Beispiel auch Lernvideos für Alltagssituationen entstanden. Bei solchen Aufgaben erarbeiten wir keinen Kurs, sondern bringen unsere Kompetenzen ein, um erwachsenengerechte Module für die jeweilige Zielgruppe zu entwickeln.

Und dabei werden Sie vom Migros-Kulturprozent unterstützt?
Die Unterstützung durch das Migros-Kulturprozent hilft uns generell, dass wir ein derart breites Angebot überhaupt bieten können. Würden wir bei jedem Kurs einzig auf die betriebswirtschaftliche Rentabilität schauen, müssten wir viel strikter vorgehen. Ein zweiter Punkt betrifft die geografische Abdeckung: Ohne das Migros-Kulturprozent könnten wir nicht 50 Zentren in der ganzen Schweiz betreiben. Hinter diesem sozialen Aspekt steckt unser Auftrag von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler, für den «Bildung für alle» einen hohen Stellenwert hatte. Das Migros-Kulturprozent erlaubt es uns, allen Menschen in der Schweiz zu fairen Konditionen einen Zugang zur Bildung zu ermöglichen.

Wie funktioniert eigentlich dieser Spagat, wenn zum Beispiel Menschen aus einem niederschwelligen Kurs beim Pausenkaffee auf höhere Kader aus einem Management-Lehrgang treffen?
Unsere Breite ist tatsächlich nicht immer ganz einfach, aber ich bin davon überzeugt, dass die verschiedenen Bereiche künftig leichter zusammengehen werden. Früher hat die Klubschule Migros zwischen Freizeitangeboten und Lehrgängen für den Beruf unterschieden. Dadurch wurden allfällige Berührungsängste zwischen Menschen aus unterschiedlichen Milieus vielleicht sogar noch verstärkt. Heute wird diese Breite eher als eine Bereicherung erlebt – auch unsere Lebensbereiche vermischen sich ja immer mehr.

Wie wirkt sich das in der Weiterbildung aus?
Jemand bucht zum Beispiel aus privatem Interesse einen Kurs zur Persönlichkeitsentwicklung und stellt dann fest, dass diese Ausbildung für sein Berufsleben mindestens ebenso relevant ist.

War das auch der Grund für den Neuauftritt der Klubschule Migros, der die Themen Beruf und Freizeit unter einem Dach zusammenbringt?

Ja. Heute gehen wir direkt über die Inhalte auf unsere Kundinnen und Kunden zu. Wir verlangen keine Entscheidung: Ist das jetzt für den Job oder privat? Sondern wir fragen: «An welchen Inhalten sind Sie interessiert?» Und um diesen Kern baut sich unser Angebot auf.

Wenn die Welt immer schneller dreht, muss die Weiterbildung rasch reagieren. Wie entsteht Ihr Programm?
Das ist ganz verschieden: Zunächst sind unsere 7500 Kursleitenden wichtige Innovationsgeber. Diese bringen ihre Vorschläge vor allem regional in den Genossenschaften ein, wo sozusagen von heute auf morgen ein Kurs ausgeschrieben werden kann. Zudem haben wir Fachleute, die Marktentwicklungen und globale Trends verfolgen. Wenn aus ihren Analysen ein längerer Lehrgang entwickelt wird, benötigt das etwas mehr Zeit; es braucht Markt- und Bedarfsanalysen und eine intensive Zusammenarbeit mit den Genossenschaften und den Experten.

Und wie definieren Sie in einer Randregion, welches Angebot sinnvoll ist?
Das machen die jeweiligen Genossenschaften, respektive Klubschulen. Einerseits aufgrund der konkreten Nachfrage, andererseits gibt es auch «Experimente»: Bei Kursen, deren Entwicklung wenig Investitionsaufwand erfordert, können und dürfen wir auch mal etwas ausprobieren. Das ist die Chance, unsere Regionalität zum Tragen zu bringen und die Bedürfnisse in den Genossenschaften ernst zu nehmen. Trotzdem arbeiten wir parallel an einer Fokussierung und prüfen, für welche Angebote unsere Kundinnen und Kunden bereit sind, auch etwas längere Wege in Kauf zu nehmen. Denn die Gefahr, die eine Kultur der ständigen Innovation mit sich bringt, besteht darin, dass man sich in der Breite verzettelt. Daher definieren wir gemeinsam mit den Genossenschaften, was das nationale Sortiment ausmacht.

Dieser regionale Anspruch trifft auf europäische Lernwege und die Erfordernisse eines globalen Arbeitsmarkts. Wie passt das zusammen?
In den Regionen sind die Schulen autonom und dadurch flexibler. Geht es dagegen um die Anerkennung im Schweizer oder europäischen Bildungsmarkt, ist das eine Aufgabe des Migros-Genossenschafts-Bunds, das heisst der Koordinationsstelle der Klubschulen und Freizeitanlagen (KOST). Mit dieser Vorgehensweise werden aber auch die regionalen Praxislehrgänge in einem übergeordneten Qualitätsrahmen positioniert, der für die Vergleichbarkeit mit ausländischen Lernwegen sorgt und damit den Kursteilnehmenden vielleicht völlig neue Perspektiven eröffnet.

Sie sagten, das Migros-Kulturprozent unterstütze die Nähe zu den Lernwilligen. Im digitalen Umfeld sind heute 50 Standorte aber eigentlich nicht mehr so entscheidend.
Das Lernen vor Ort wird durch die Digitalisierung nicht wegfallen, ich denke aber, dass es Kombinationen der Kursformen geben wird. An diesem Thema arbeiten wir derzeit intensiv: Wie sollen wir uns positionieren, wie viel Präsenzunterricht bieten wir an, wie viel Onlineunterricht, wie viele Mischformen. Der Online-Bereich ist für alle Bildungsanbieter eine grosse Herausforderung, aber die physische Nähe zu den Lerninteressierten bleibt für uns wichtig. Dies ergibt sich allein schon aus unserm historischen Auftrag, «Bildung für alle» zu ermöglichen: Die Hemmschwelle ist kleiner, wenn das Angebot quasi vor der Haustüre zugänglich ist.

Wie haben sich die Ansprüche der Privatkunden zuletzt verändert?

Wir beobachten hierbei verschiedene Alterssegmente: Bei den 20- bis 30-Jährigen gibt es bezüglich E-Learning höhere Erwartungen als beim Publikum zwischen 35 und 55. Wir führen gerade Pilotprojekte mit E-Books und Tablets durch, auch die interaktiven Boards werden immer mehr erwartet – was bei 50 Zentren mit je 15 bis 40 Klassenzimmern natürlich ziemlich aufwendig ist.

Und das Bedürfnis nach Abschlüssen?
Da sind wir durch die «Diploma» der Klubschule Migros, die seit zwei Jahren auf ein grosses Bedürfnis stossen, gut aufgestellt. Mit diesen klubschuleigenen Abschlüssen haben wir nationale Standards definiert, die wir von externen Experten kritisch hinterfragen lassen. Neu wollen wir diese Diploma auch in den nationalen Qualifikationsrahmen einordnen.

Neben Privatpersonen bedient die Klubschule Migros auch Firmen und Institutionen.
Unser Schritt zu einem umfassenden Angebot in der beruflichen Weiterbildung war aus Sicht der Qualitätsstrategie enorm wichtig: Das gemeinsame Dach über alle Angebote ist die hohe Qualität und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Alle Kurse sind «eduQua»-zertifiziert und müssen die gleichen Standards erfüllen. Mit den Firmen und Institutionen kam eine wichtige Kundengruppe hinzu, die uns in Bezug auf Qualität und Innovation herausfordert, denn wir müssen ständig am Ball bleiben. So kann zum Beispiel bei einem massgeschneiderten Angebot plötzlich die Einbindung von E-Learning notwendig werden, und von diesem Know-how profitieren dann auch die Privatkunden.

Wie muss man sich so einen massgeschneiderten Kurs vorstellen?
Gemeinsam mit den Kunden analysieren unsere Berater die Bedürfnisse und definieren Inhalte, Umfang und Ziele der Weiterbildung. So wurde zum Beispiel bei einer Schulungsanfrage für das Programm MS Project festgestellt, dass für den Kunden auch Grundlagen im Projektmanagement vermittelt werden sollten. Wir übernahmen die verschiedenen Schulungen vor Ort und konnten dabei auf alle firmenspezifischen Bedürfnisse und Anpassungen der Tools eingehen.

Der Preis spielt für Firmen sicher auch eine Rolle.
Eher unser gutes Preis-Leistungs-Verhältnis kombiniert mit einer hohen Akzeptanz im Markt. Ein Unternehmen würde nicht zur Klubschule Migros kommen, wenn es nicht davon überzeugt wäre, dass wir gute Abschlüsse bieten.

Die Klubschule Migros unterstützt das Konzept des lebenslangen Lernens. Wenn man den Begriff kritisch betrachtet, kommt ein Zwang zum Vorschein: «Lebenslänglich» hat ja nicht per Zufall auch mit Gefängnis zu tun.
Man sagt ja: Wir sind «zum Lernen verdammt»! [lacht] … Es mag vielleicht negativ klingen, aber wir können uns dieser Entwicklung kaum mehr entziehen. Die Welt dreht sich heute derart schnell, wer stehen bleibt, droht aus dem System herausgeschleudert zu werden. Für uns umfasst Weiterbildung aber nicht nur den streng formalen Bereich der staatlichen Abschlüsse oder den nonformalen unserer Diploma, sondern auch informelle Formen wie etwa das Zeitungslesen. Alle drei Arten erweitern unsern Horizont – und die Klubschule Migros sorgt dafür, dass dieses «lebenslänglich» durchaus auch Spass machen kann!

Link:
Klubschule Migros

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Seit Herbst 2012 leitet Andrea Ming die Direktion Koordination Klubschule im Migros-Genossenschafts-Bund (MGB). Seit Herbst 2012 leitet Andrea Ming die Direktion Koordination Klubschule im Migros-Genossenschafts-Bund (MGB).