«Künstlern fällt auf, welche Wirklichkeiten wir ausschliessen»

Wie erzeugt Theater Wirklichkeit? Mit welchen Wahrnehmungsmassagen arbeitet es gegen Beobachtungsverhärtungen? Ein Gespräch mit dem Soziologen Dirk Baecker über Wahrheit, Wirklichkeit und die Täuschung anlässlich von «It’s the Real Thing», dem vom Migros-Kulturprozent unterstützten Festival für Dokumentartheater in Basel.

Autor: 30. April 2013, Dirk Baecker im Gespräch mit Andreas Tobler

Dirk Baecker, Sie haben im Rahmen der Basler Dokumentartheatertage einen Vortrag mit dem Titel «Was ist Wirklichkeit?» gehalten. Welche Wirklichkeiten kann Theater erzeugen?
Zunächst einmal erzeugt das Theater seine eigene Wirklichkeit – die Wirklichkeit einer Bühne, eines Abends, einer Inszenierung, die Wirklichkeit von Schauspielern in einer Interaktion. Zweitens stellt das Theater eine Wirklichkeit dar – die Wirklichkeit einer Geschichte, einer Komödie, eines Dramas, des Themas einer Performance. Diese zweite Wirklichkeit durchschauen wir als Fiktion und vergleichen diese Fiktion mit der wirklichen Wirklichkeit draussen. Das ist möglicherweise eine der wichtigsten sozialen Funktionen der Kunst im Allgemeinen und des Theaters im Besonderen: Sie erzeugen eine fiktive Realität, die uns dabei hilft, im Unterschied zu ihr eine reale Realität zu beobachten. Vielleicht wüssten wir gar nicht, worin die wirkliche Wirklichkeit besteht, wenn wir sie nicht mit Fiktionen vergleichen könnten.

Neben Theater, das fiktionale Wirklichkeiten erzeugt, gibt es andere Formen: Theater, das seine eigenen Bedingungen und Möglichkeiten reflektiert.
Richtig, es gibt im Theater die Wirklichkeit eines dokumentarischen Theaters, das sich darum bemüht, zu zeigen, wie Wirklichkeit entsteht. Das heisst: welche Worte, Gesten, Mimiken und Verhaltensweisen unter Menschen oder zwischen Menschen und Räumen, Menschen und Maschinen, Menschen und Licht eine Wirklichkeit entstehen lassen.

Sie sagten, dass wir eine Wirklichkeit zwar für wahr halten können, es aber unvermeidbar ist, dass wir die Wahrheit der Wirklichkeit in Zweifel ziehen. Die Wahrheit der Wirklichkeit ist also umstritten – auch und gerade in der Theatersituation.
Ja, genau. Eine Gewissheit der Wirklichkeit gibt es nur im Moment des Geschehens. Schon wenn wir uns fragen, welche Ursachen dem Geschehen zugrunde liegen könnten und welche Folgen es haben könnte, befinden wir uns im Reich der Interpretation, die sich als wahr oder falsch herausstellen kann. Die Wahrheit ist bezweifelbar, die Wirklichkeit nicht. Die Wirklichkeit wirkt, könnte man sagen, auch wenn wir nicht immer wissen, wie und worauf und für wen sie wirkt. Die grosse Chance des Theaters und im Besonderen des dokumentarischen Theaters besteht darin, die Mechanismen aufzuzeigen, die uns an die Wahrheit oder Falschheit einer Wirklichkeit glauben lassen – weil wir es anders mit der Gewissheit dieser Wirklichkeit nicht aushalten würden. Wir brauchen einen Rahmen der Interpretation, den wir zugleich bezweifeln, also auch wieder verändern können.

Inwiefern?
Aus dem einfachen Grund, dass wir wissen, dass unsere Wirklichkeit zwar in jedem Moment gewiss, aber im weiteren Geschehen ungewiss ist und daher aus jeder Perspektive anders aussieht. Der mitlaufende Zweifel hilft uns dabei, immer auch andere Perspektiven für möglich zu halten.

Wenn wir schon im Alltag dauernd alles in Zweifel ziehen müssen, dann müssten wir im Theater ja richtiggehend verzweifeln!

Nein, denn im Theater kann ich mich zurücklehnen und die Tragödie oder Komödie in der Art und Weise geniessen, wie wir uns unsere Wahrheiten zurechtzimmern. Stellvertretend für uns selbst können wir den Schauspielern dabei zuschauen, wie sie Rollen vorführen, die vor allem darin bestehen, die Wahrheit einer Wirklichkeit überhaupt erst aufzubauen.

Sie haben am Theater Basel Volker Löschs «Angst» gesehen, eine Inszenierung nach dem Thriller von Robert Harris, in dem ein Algorithmus sich der Kontrolle seines Programmierers entzieht und die Herrschaft über die Finanztransaktionen ergreift. Zwischen die Thriller-Handlung hat Lösch Interviews eingeflochten, in denen Banker, Kapitalismuskritiker und Vertreter der Basler Oberschicht zu Wort kommen.
Lösch ist es gelungen, ein sehr unterhaltsames Stück zu inszenieren, in das er die Botschaft eines durchgedrehten Finanzkapitalismus verpackt hat, von der er glaubt, dass man sie noch nicht oft genug gehört hat und noch lange nicht entsprechend handelt. Das ist Gesellschaftskritik theatralisch verpackt. Hier sieht man nicht, wie eine Wirklichkeit in der Auseinandersetzung mit bestimmten Problemen des Moments entsteht, sondern hier soll man sehen, was sich in der Wirklichkeit draussen in Wirklichkeit abspielt. Man wird aufgeklärt. Und die Botschaft selber wird keinen Augenblick bezweifelt.

In Abgrenzung zu einem solchen Botschaftentheater sind in den vergangenen Jahren andere Formen dokumentarischen Theaters entstanden. Ein Beispiel dafür sind die Inszenierungen von Boris Nikitin, der die Dokumentartheatertage in Basel kuratiert hat. Was geschieht in diesen Theaterformen?
Im dokumentarischen Theater dieses Festivals werden gerade für den Zweifel überraschende und auch unterhaltsame Bilder gefunden, etwa wenn She She Pop in ihrem Stück «Schubladen» buchstäblich in den Schubladen ihrer Vergangenheit kramen und nichts anderes als Schubladen oder Schablonen haben, um zu interpretieren, was sie darin finden. Oder wenn Cuqui Jerez ein grandioses Stück inszeniert, in dem geprobt wird, wie man aus der Probe eines Theaterstücks selbst ein Theaterstück machen kann und nie klar ist, ob man sich jetzt in der Probe oder in der Probe der Probe befindet. Passenderweise trägt dieses Stück den Titel «The Rehearsal».

Seit einigen Jahren gibt es den Trend des Diskurstheaters, in dem Schnipsel oder ganze Argumentationsketten aus philosophischen oder soziologischen Texten auf die Bühne gebracht werden. Das sind oft hochabstrakte und komplexe Texte wie Robert Pfallers «Wofür es sich zu leben lohnt» bei René Pollesch oder ihre «Studien zur nächsten Gesellschaft» bei der Basler Gruppe Capri Connection. Worin liegt die spezifische Leistung von Theater, wenn es solche Texte auf die Bühne bringt?
Diese Leistung sehe ich darin, dass die Texte zu Mitschauspielern gemacht werden und so noch einmal anders auf ihre Glaubwürdigkeit und Brauchbarkeit geprüft werden können, als wenn man sie ausschliesslich im Universitätsseminar diskutiert. Wir leben ja auch draussen in der Wirklichkeit dauernd mit Texten, sei es die Bibel, die neueste Ausgabe von «Psychologie heute», ein Roman oder eben ein Stück Gesellschaftstheorie. Das Theater holt diese Texte auf die Bühne und probiert aus, was aus einem Leben wird, das sich an einem dieser Texte orientiert.

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass die Theater zu Orten werden, an denen eine Lektüre oder eine Auseinandersetzung mit einem Thema nur noch simuliert wird?
Was ist eine Auseinandersetzung mit einem Text? Hier gibt es ja nicht nur die hermeneutische und kritische Diskussion im Seminar, sondern eben auch den Versuch, sich von Texten im Leben begleiten zu lassen. Wer wären Sie oder ich, wenn wir nicht einen beachtlichen Teil unseres bisherigen Lebens lesend verbracht hätten? Und das gilt nicht nur für Akademiker. Darüber legen wir uns aber nur selten Rechenschaft ab. Das Theater gibt uns die Gelegenheit, einem Schauspieler dabei zuzuschauen, wie er sich verändert, indem und weil er sich auf einen Text verlässt, der dadurch eine ähnlich handfeste Realität gewinnt wie ein weiterer Schauspieler auf der Bühne. Das Theater lässt mich als Zuschauer in diesen Momenten reflektieren, welchen Umständen und Praktiken, Techniken und Gewohnheiten ich meine eigene Wirklichkeit verdanke.

Wozu brauche ich diese Reflexion? Oder noch grundsätzlicher: Wozu brauchen wir dokumentarisches Theater?

Das dokumentarische Theater zeigt mir, wie leicht ich bestimmten Fiktionen – bei Boris Nikitin etwa immer wieder die Fiktion der Identität einer Person mit sich selbst – auf den Leim gehe und wie schnell ich bereit bin, an diesen Fiktionen auch dann festzuhalten, wenn ich sie durchschaue, einfach weil ich andernfalls für mich selbst und für meine Mitmenschen zu einem unerträglichen Zeitgenossen werde.

Eine andere Form ist das Theater von Hans-Werner Kroesinger, einem der wichtigsten Vertreter des Dokumentarischen. Kroesinger beschäftigt sich seit Mitte der 1990er-Jahre mit den Ursachen und Folgen von Krieg, Vertreibung und Vernichtung – von den Auschwitzprozessen bis zum Völkermord in Ruanda.
Das dokumentarische Theater von Hans-Werner Kroesinger zeigt, dass ich bereit bin, an eine andere Wirklichkeit zu glauben, wenn ich etwas andere Worte verwende, einen anderen Blickwinkel wähle oder auch nur die Reihenfolge variiere, in der ich mir einen Sachverhalt zurechtlege. Deswegen habe ich davon gesprochen, dass uns das dokumentarische Theater mit einer Wirklichkeit vertraut macht, die keinen festen, dinglichen, sondern einen variablen, medialen Charakter hat.

Beim reflektierten Theater von Boris Nikitin wird man sich der Wirklichkeit unschlüssig und kann nicht mehr beurteilen, was am Erzählten wahr ist. Was bringt uns diese Verwirrung?
Die Verwirrung zeigt ja nur, dass ich in meinen gewohnten Routinen des Aufbaus meines Bildes von der Wirklichkeit unterbrochen werde. Es geht irgendwie nicht so weiter wie ich dachte und erwartete. Diese Verwirrung bietet mir die Chance, meinerseits innezuhalten und mich dessen zu vergewissern, warum ich etwas Bestimmtes erwartet habe, was ich dafür getan habe, dass ich diese Erwartung für sinnvoll halte, und was ich dabei möglicherweise übersehen habe. Die wichtigste Einsicht in die Art und Weise, wie wir mit unserer komplexen Welt umgehen, besteht darin, dass wir dies selektiv tun. Wir verwenden unsere Aufmerksamkeit auf jenes und übersehen dabei anderes. Und je besser wir mit unseren Selektionen zurecht kommen, desto mehr sind wir geneigt, zu vergessen, wie selektiv wir unterwegs sind, wie viele Sachverhalte wir aus unserer Aufmerksamkeit ausschliessen. Künstlern fällt das auf. Und Künstlern fällt vor allem auf, dass wir buchstäblich krank werden, wenn wir uns in unseren Positionen verhärten. Aus dieser Verhärtung holen sie uns heraus, mit Musik, mit einem Gedicht, einem Bild oder eben einem Stück Theater.

Die Wahrheit ist umstritten, der Zweifel unvermeidbar: Dirk Baecker bei seinem Vortrag. Die Wahrheit ist umstritten, der Zweifel unvermeidbar: Dirk Baecker bei seinem Vortrag.
Die Botschaft wird in keinem Moment bezweifelt: Volker Löschs «Angst», ein Stück über den durchgedrehten Finanzkapitalismus. Die Botschaft wird in keinem Moment bezweifelt: Volker Löschs «Angst», ein Stück über den durchgedrehten Finanzkapitalismus.
Spass mit Schubladen, Schablonen und Klischees: She She Pop kramt in den Erinnerungen. Spass mit Schubladen, Schablonen und Klischees: She She Pop kramt in den Erinnerungen.
Die Probe der Probe der Probe: Cuqui Jerez' «The Rehearsal». Die Probe der Probe der Probe: Cuqui Jerez' «The Rehearsal».
Was ist real, wenn alles nur eine Theaterprobe ist? Szene aus Cuqui Jerez' «The Rehearsal». Was ist real, wenn alles nur eine Theaterprobe ist? Szene aus Cuqui Jerez' «The Rehearsal».