Ungewohnte Ansichten

Das Förderprogramm contakt-citoyennete.ch des Migros-Kulturprozent und der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen unterstützt Engagements für das interkulturelle Zusammenleben. Das Projekt «KopfWEG» im luzernischen Geuensee zeigt beispielhaft, wie wenig es braucht, damit sich Unbekannte näher kommen.

Autor: 29. August 2013, Simon Spiegel

Nur wenige Autominuten von Sursee entfernt liegt Geuensee. Die 2500-Seelen-Gemeinde ist ein typisches Bauerndorf, das wie viele vergleichbare Orte in den vergangenen Jahren einen rasanten Wandel durchgemacht hat. Auswärtige ziehen ins Dorf, die Zahl der Einwohner steigt stetig, überall wird fleissig gebaut. Der Anteil der ausländischen Bevölkerung Geuensees ist hoch: Rund 25 Prozent der Einwohner haben keinen Schweizer Pass, für das Dorf ist dies durchaus eine Herausforderung. Nicht nur die Infrastruktur muss mit dem schnellen Wachstum mithalten, auch im zwischenmenschlichen Bereich hat sich einiges verändert. Während man sich die Alteingesessenen seit Jahren kennen, kommt man mit den Zuzügern, die oft ausserhalb des Dorfs arbeiten, kaum in Kontakt.

Hier setzt das Projekt «KopfWEG» an. 200 Schwarzweissportraits sollen, an sieben Standorten verteilt, den Einwohnern zeigen, wer alles in ihrem Dorf lebt. Jeweils zwei Bilder sind an Holzpfählen angebracht, versehen mit Name, Beruf und Wohnort. Vater des Projekts ist Albert Albisser, als Gemeindeschreiber kennt er fast jeden im Dorf mit Namen. Gemeinsam mit dem pensionierten Fotografen Ueli Meyer hat er seine Idee umgesetzt. Anfangs suchten sie mit Flugblättern nach Freiwilligen. Nach einem mageren Echo auf ihren Aufruf per Flugblatt, wählten die zwei schliesslich 200 Personen aus und besuchten sie persönlich. «Albert übernahm das Reden, und sobald sich ein Angefragter einverstanden erklärte, trat ich in Aktion», erklärt Meyer ihr Vorgehen. «Ich habe die Leute frontal fotografiert. Ganz schnell, ohne Vorbereitung, so, wie sie waren.» Bei der Auswahl der Portraitierten achteten Ueli Meyer und Albert Albisser auf eine gute Durchmischung – vom Kleinkind zur Greisin, vom gebürtigen Geuenseer bis zum Migranten. Auch die Geschlechter sind gleichmässig verteilt. 

Viele positive Reaktionen

Wir treffen Ueli Meyer vor der Rosenstube in Krumbach, einem Weiler oberhalb von Geuensee. Rechts leuchtet das rote Dach der St. Wendelin-Kappelle; das kleine Bijou wurde 1576 erbaut und gehört heute sechs Bauernfamilien. Links der Rosenstube befindet sich eine der sieben «KopfWEG»-Stationen. Ruth Arnold empfängt uns in ihrem «Stübli», wo sonst Vereine und Festgesellschaften bewirtet werden. Sie werde oft auf die Bilder angesprochen, erzählt die lebhafte Wirtin. «Viele wissen natürlich nicht, was es mit diesen Fotos auf sich hat. Ich wurde schon gefragt, ob es sich um Wahlplakate handelt, und einer hielt die Bilder sogar für Steckbriefe», sagt Arnold und lacht. Insgesamt seien die Reaktionen aber sehr positiv. Auch sie selbst findet es schön, auf den Bildern Personen wieder zu entdecken, die sie schon lange nicht mehr gesehenen hat. Sie komme nämlich eher selten ins Dorf selber. 

«KopfWEG» wurde von contakt-citoyennete.ch unterstützt. Das gemeinsame Förderprogramm des Migros-Kulturprozent und der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen unterstützt freiwillige Engagements, die das interkulturelle Zusammenleben stärken. 99 Projekte aus der ganzen Schweiz hatten sich auf die Ausschreibung hin beworben, 30 wurden von einer Jury ausgewählt und prämiert, wobei insgesamt Fördermittel von CHF 320’000 zur Verfügung standen. Bei der Umsetzung der Projektideen arbeiteten die Freiwilligen oft Hand in Hand mit den zuständigen Integrationsfachstellen.

Dass die Absicht der Integration von Menschen verschiedenster Herkunft mittels dem «KopfWEG» in Geuensee gelungen ist, kann  Fotograf Meyer nur bestätigen: «Ich habe zum Beispiel einen Herrn aus Sri Lanka kennengelernt, von dem ich gar nicht wusste, dass er hier bei uns lebt. Ich habe lange mit ihm gesprochen und er hat mir dann seine Lebensgeschichte erzählt.» Die Gemeinde unternehme zwar durchaus viel im Bereich der Integration, aber durch den «KopfWEG» entstehe eine ganz neue Qualität des Kontakts.

Neue Seiten

Egon Albisser, der Bruder des Mit-Initianten, hat ähnliche Geschichten rund um das Projekt erlebt. Der Künstler ist fast ausschliesslich zu Fuss unterwegs und beobachtet auf seinen Spaziergängen, wie die Menschen von Geuensee auf den ungewohnten Strassenschmuck reagieren: «Viele bleiben vor den Bildern stehen und lesen die Bildlegenden. So kommt man ins Gespräch.» Der 57-Jährige ist wie sein Bruder ein Alteingesessener im Dorf, dank diesen Fotografien lernt aber auch er neue Seiten von alten Bekannter kennen. «Dieser Herr hier», Albisser weist auf das Porträt eines entschieden blickenden Mannes, «ist stark gehbehindert und verlässt nur noch selten sein Haus. Ich sehe ihn kaum noch. Auf diesem Foto wirkt seine Physiognomie so stark, das hat mich richtig überrascht.»

Gemeinsam mit Meyer besuchen wir die sieben Standorte. Bei jedem Halt inspiziert der Fotograf seine Bilder und säubert sie von Staub oder Fliegendreck. Meyer und Albisser haben gezielt Stationen gewählt, an denen Fussgängern vorbeikommen. Im Dorfkern bei der geschlossenen Schule, in Krumbach, wo oft Wanderer unterwegs sind, auf Feldwegen beim Ortsausgang. Zudem haben sie darauf geachtet, dass die Bilder nicht direkt bei den Wohnungen der jeweils Portraitierten stehen. So hat auch Ruth Arnold «ihre» Station noch nicht besucht. Noch bleibt ihr Zeit. Mitte September werden die Fotografien eingesammelt und anlässlich der Dorf-Chilbi am 22. September ausgestellt. Wie es dann mit dem Projekt weitergeht, ist noch offen. Wenn Geuensee weiterhin so schnell wächst, ist vielleicht schon bald ein Update fällig.

Auf der Website von conTAKT-citoyenneté werden die Informationen über das Gesamtprogramm und den Fortgang der Projekte laufend aktualisiert.

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Fotograf Ueli Meyer vor seinem Werk. (Bild: Simon Spiegel) Fotograf Ueli Meyer vor seinem Werk. (Bild: Simon Spiegel)
Durch den «KopfWEG» kommt man sich näher (v.l.): Ueli Meyer, Ruth Arnold, Egon Albisser. (Bild: Simon Spiegel) Durch den «KopfWEG» kommt man sich näher (v.l.): Ueli Meyer, Ruth Arnold, Egon Albisser. (Bild: Simon Spiegel)