«Wir können uns auch tonlos unterhalten»

Was bedeutet Sprache für einen Gehörlosen? Und wie tauscht man sich ohne Worte über solche Fragen aus? Ein Treffen mit dem bekannten Pantomimenkünstler Christoph Staerkle zeigt: Wer sich neuen Sprachen öffnet, entdeckt die Vielfalt unserer Kommunikationswege.

Autor: 26. November 2013, Katharina Nill

Mein Gegenüber spricht seit drei Minuten. Mit Mund, Zunge und Kehlkopf formt er Laute, die Worte bilden. Doch das Verstehen fällt mir zunächst schwer. Am vergangenen Wochenende, sagt Christoph Staerkle, habe er eine Frau in Köln besucht. Aber war es jetzt seine Frau oder ist sie einmal seine Frau gewesen? Geduldig erklärt er es mir noch einmal – ich fühle mich etwas hilflos. Ist sie jetzt Kabarettistin oder Karikaturistin? Ein drittes Mal will ich nicht fragen und werde mir schnell bewusst, dass das klassische Schema von Frage und Antwort in diesem Gespräch zu kurz greift. Aufnahmegerät und Notizbuch verschwinden wieder in der Tasche, denn Staerkle spricht nicht nur akustisch, sondern er nutzt zur Kommunikation auch sehr präzis seine Mimik, Gestik und Gebärden. In diesem Gesamtkontext ordnet sich das Gesprochene zum Sinn. 

Wir sitzen im AEK Café in Thun, mir gegenüber der schweizweit bekannte Mime. «Dieser Beruf ist mein Leben», sagt Staerkle, «auch nach 30 Jahren noch macht er mich glücklich.» Man glaubt es ihm sofort. Christoph Staerkle sei schlicht «ein Ereignis» – mit diesen Worten hob «Die Welt» sein Talent am Pantomime-Festival in Berlin mit hervor und fügte hinzu: «Wenn man Staerkle gesehen hat, glaubt man wieder an die Unsterblichkeit der Pantomime.» Momentan arbeitet der Solo-Künstler an einem neuen Programm. Er setzt darauf, dass die Pantomime und das wortlose Kabarett  wieder vermehrt auf den nationalen und internationalen Bühnen nachgefragt werden.

In der Zwischenzeit tritt er an geschlossenen Veranstaltungen auf oder gibt Workshops für Schüler, Studierende und andere Interessierte. Hier geht es Staerkle vor allem darum, dass wir den Umgang mit non-verbaler Kommunikation und der natürlichen Körpersprache spielerisch erproben können. Denn, so erklärt er, wenn unsere Aufmerksamkeit immer mehr durch iPads, Computer und Mobiltelefone absorbiert wird, kommt uns dieses angeborene Talent immer mehr abhanden. «In der Mimik und Körpersprache eröffnen sich uns neue Dimensionen», sagt er, es seien Ausdrucksformen, die «der Stille verpflichtet» sind.

Die Workshop-Teilnehmer vergessen für ein paar Stunden sich selbst und ihren Alltag und widmen sich voll und ganz einem Gegenstand – zum Beispiel eine Statue, ein Kirchentor oder ein Gartenschlauch – und damit auf ganz natürliche Weise ihrem Körper. Man kennt das von Kindern, die sich stundenlang in solchen Tätigkeiten verlieren können: «Das sind zentrale Erfahrungen, die die Teilnehmenden hier machen. Auch für mich sind es schöne Momente, wenn es ihnen gelingt, sich aus den Hemmungen und der eigenen Unbeholfenheit zu befreien.» Damit will Staerkle die Selbst-Entdeckung des oft unklar eingesetzten Kommunikationsmittels unterstützen: «Es geht es um den Aufbau von Vertrauen in den eigenen Körper – bis dieser sich allmählich von selbst ausdrücken kann.»

Taub, aber nicht stumm

Die Bezeichnungen für eine eingeschränkte Hörfähigkeit sind so vielfältig wie die Differenzierung der Hörschädigung selbst: hörauffällig, schwachhörig, harthörig, fehlhörig, resthörig, hörsprachbehindert, taub und viele mehr. Christoph Staerkle ist gehörlos, aber nicht stumm. Er ist inmitten sprechender Eltern und Geschwister aufgewachsen und lautsprachlich erzogen worden. Das ist die Regel: Rund 90% der von Geburt an gehörlosen Menschen haben Eltern, die hören können. 

«Gehörlose sprechen einfach gerne ohne Ton, das heisst lautlos», erklärt Staerkle. Aber nicht alle: «Gehörlose sprechen so, wie ihre Stimme klingen mag, denn es gibt keine Kontrolle über die eigene Stimme.» Gehörlose Menschen, die vollständig taub sind, können weder die Laute des Gegenübers, noch ihre eigenen hören. Ihr Sprechen ist das Ergebnis eines enorm aufwändigen Trainings, denn sie müssen ohne die Rückkopplung des Gesprochenen durch das Gehörte auskommen, was für hörende Kleinkinder eine unabdingbare Voraussetzung zum Erlernen der Lautsprache ist. Die Leistung von Gehörlosen, mit ihrer Stimme trotzdem Sätze artikulieren zu können, wird vor diesem Hintergrund umso eindrücklicher. Eine Technik, um das «Schönsprechen» zu erlernen, sind die Sprechübungen vor einer Kerze. Deren Flackern gibt dabei die Hinweise auf die Aussprache. Auch Staerkle ist damit vertraut: «Die Methode fand ich lustig, wenn ich mich auch dafür etwas geschämt habe.» 

Obwohl ich all das im Vorfeld weiss, kann ich mir schwer vorstellen, wie die Begegnung mit Christoph Staerkle tatsächlich ablaufen wird. Einmal sagte er: Die Mitmenschen seien sozusagen wie die Protagonisten in einem Stummfilm. Wirken wir «Anderen» für ihn als die Charlie Chaplins dieser Welt? Vorsichtshalber wünsche ich mir einen besonders ruhigen Ort für unser Gespräch. «Wir können uns auch tonlos unterhalten», hatte mir Staerkle per SMS zurückgeschrieben und in diesem Dialog bereits seinen Charme, Witz und ein Grundvertrauen aufblitzen lassen. «Sie müssen keine Sorgen haben bezüglich unserer Kommunikation. Wir alle können immer einen Weg finden beim Diskutieren. Ich lese ja ihre Lippen ab, auch ihre Miene, den Ausdruck und vieles andere mehr.» 

Lippenlesen? Ich forsche nach: 27 Prozent der deutschen Sprache kann vom Mundabsehbild erkannt werden. So kommen auf die rund 40 Sprachlaute (Phoneme) 11 Mundabsehgestalten (Kineme). Die Lautsprache ist zudem sequentiell und hat daher nur eine Dimension, die zeitliche – sie kann also nicht mehrere Dinge gleichzeitig ausdrücken. Anders die Gebärdensprache, die vier Dimensionen hat: die drei räumlichen sowie die zeitliche. In diesen vier Dimensionen verarbeitet die Gebärdensprache alle zur Kommunikation notwendigen Informationen. Diese Multifunktionalität kompensiert auch den Nachteil, dass für das Formen von Gebärden mehr Zeit benötigt wird als für das Formulieren von Wörtern.

In ständiger Bewegung

Und dann sitzen wir im AEK Café und es passiert alles gleichzeitig. Christoph Staerkle zuzusehen, ist gleichermassen fordernd wie belebend. Egal, wie oder wohin er schaut: Sein Blick ist ausdauernd und hellwach. Dazu hält er immer wieder seine Mimik in einer Pose fest, um ein angesprochenes Thema zu unterstreichen. Gleichzeitig gestikuliert er – manchmal auch mit grosser Geste. All diese Nuancen beherrscht er spielerisch und setzt sie gezielt und präzise ein. Er kommuniziert auch mit der Haltung seines Körpers, lässt diesen kreisen oder wendet sich in sportlichen Radien. Man erahnt sein Talent, auf der Bühne Szenen von umwerfender Komik darstellen zu können. 

Einmal steht er auf, um etwas mit seinem Körper zu verdeutlichen. Ganz ohne Scheu. Es ist einfach die Art, wie er mit mir spricht. Die anderen Gäste im Café blicken nicht auf von ihren Handys und Zeitungen. Die Falten, die sich um Staerkles Augen und auf seiner Stirn bilden, sprechen je nach Richtung und Grad der Vertiefung von Milde und Komik, von Zweifel oder Entsetzen. Manchmal scheint es, als seien selbst seine weissen Haare darauf getrimmt, die Kommunikation zu verstärken, etwa wenn sie betont zackigen Körperbewegungen folgen. Christoph Staerkle spricht auch mittels Nähe und Distanz, die er zum Gegenüber einnimmt. Seine gesprochenen Worte sind nicht schweizerdeutsch gefärbt – das würde die Angelegenheit nur verkomplizieren. 

Wenn ich mit einer Rückfrage einhaken will, muss ich mir plötzlich auch bewusst sein, mehrere Kommunikationskanäle gleichzeitig zu nutzen – einfach hören kann mich Staerkle ja nicht. Er erzählt, dass er gerne kocht und gärtnert, über seinen Werdegang, über seine Leidenschaft, in der Natur unterwegs zu sein und sein Unbehagen, im Meer oder auf einem See zu sein. Mit Gartenarbeit kam er bereits in seiner Schulzeit in Kontakt, allerdings war diese nicht nur positiv konnotiert: «Mein Vater legte grossen Wert auf eine gute Schulbildung und schickte mich von der 1. Klasse bis zur Sekundarschule ins Internat. Dort habe ich das Absehen und Sprechen gelernt – und musste die freien Nachmittage mit Garten- und Putzarbeit verbringen.» Er bemerkt mein Staunen und ergänzt: «Dort habe ich gelernt, mich vor Strafen und Schlägen gut zu verteidigen. Diese Zeit hat mich zwar viel Energie und Heimweh gekostet, dennoch war es wichtig, die Sprache zu erlernen.»

Reden ist Silber

Die Art, wie Staerkle und ich kommunizieren, ist nicht primär begrifflich. Sie erinnert etwas an den Versuch, in einer Dorfkneipe im letzten Winkel dieser Welt in einer fremden Sprache ein Frühstück zu bestellen – und es zu bekommen. Man ist zwar «durchgekommen», aber man weiss nicht genau wie. Es braucht die Offenheit, sich auf Neues einzulassen, dann steigt mit der Zeit auch die Sicherheit der Interpretation der Wörter und Sätze. Offensichtlich sagt die Fähigkeit zu sprechen noch nichts über die Fähigkeit zu kommunizieren aus. 

So versteht Christoph Staerkle seine Pantomimenkunst nicht als «Übersetzung» von Dingen, die er in der Welt der Sprechenden sieht. Sprache lässt sich nicht einfach in Gebärdensprache übersetzen und von dort aus in Pantomime. Vielmehr will Staerkle darstellen, wie sehr die Dinge zusammenhängen, obwohl sie nicht sprachlich miteinander verknüpft sind. Es geht ihm darum, Atmosphären zu vermitteln. Und wo Wörter nur «platt» wären, gelingt es ihm, diese mit nichts anderem als dem Körper auch in der Karikatur zu transportieren. Was sein Vater einst auf dem Klavier spielte: er konnte es nicht hören, aber er sah und spürte am Ausdruck des väterlichen Körpers, ob es Beethoven oder Bach war.

Und plötzlich dreht sich die Interpretation des Sprechvorteils von uns Hörenden: Wo wir es nicht schaffen, etwa im Schweigen kurze Momente der Unsicherheit zu ertragen und uns auf die visuelle und intuitive Wahrnehmung zu verlassen, weichen wir auf die Sprache aus, quasseln einfach drauflos und übertönen einander in unserem Nicht-Verstehen. Dabei ist Stille nicht einfach nur die Abwesenheit des Redens. Schweigen kann sehr beredet sein. Wir müssten uns einfach nur darauf einlassen.

Trotzdem: Ein paar biografische Eckdaten machen einem das Leben leichter, wenn man sich gerade kennenlernt. «Wo kommst du her?», «Was machst du beruflich?», «Wie gross sind deine Kinder?». Solche Fakten geben Orientierung. So spricht Staerkle nicht nur über Theater, Kunst und die Selbstverständlichkeit einer Kommunikation ohne Ton, sondern erzählt mir nicht ohne Stolz auch von seinen vier Kindern. Zwei stammen aus seiner ersten Ehe und sind schon erwachsen. «Die anderen zwei sind noch jung», sagt er, «sie stammen aus meiner zweiten Ehe mit einer Gehörlosen.» Und: Alle vier sind hörend. 

Als mein Beitrag fast fertig geschrieben ist, besuche ich die Website von Christoph Staerkles Sohn, der Filmemacher ist. Da steht: Seine Mutter ist eine Frau, die als Kabarettistin und Karikaturistin in Köln und Zürich lebt. Die Frau, über die Staerkle eingangs sprach, war jedoch seine Ex-Schwiegermutter. Wer sich auf die Welt der Gebärdensprache einlässt, ist zumindest auf Anhieb nahe dran.  

www.staerkle.com

Video: «Lauter Alltag» 

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