«Wir zelebrieren eine Kultur des Remix»

Die Public-Domain-Bewegung fordert unbeschränkten digitalen Zugang zu gemeinfreien Werken. Was eröffnet sich Künstlern und Vermittlern dadurch? Der neueste Band aus der Reihe Edition Digital Culture des Migros-Kulturprozent gibt Einblicke.

Autor: 5. Oktober 2015, Mario Purkathofer im Gespräch mit Dominik Landwehr

«Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2» heisst das jüngste Werk der Theatergruppe Rimini Protokoll, die mit ihrer dokumentarischen Theaterform für Furore sorgt. Vor 70 Jahren, am 30.4.1945, beging der Diktator in seinem Führerbunker in Berlin Selbstmord. Damit erlöschen am 1.1.2016 die Urheberrechte von Hitlers Programmschrift, die das Bayrische Finanzministerium bisher sorgsam gehütet und damit Neuveröffentlichungen und Übersetzungen verhindert hat. Rimini Protokoll nimmt das Datum zum Anlass, über das Verhältnis der Deutschen zu diesem Buch zu reflektieren: Stimmt es, dass es alle besessen, aber kaum einer gelesen hatte? Welches ist sein literarischer Wert? Und was würde passieren, wenn es heute eine öffentliche Lesung von «Mein Kampf» gäbe, zum Beispiel vor einem Flüchtlingsheim? 

In der Schweiz setzt sich seit einigen Jahren eine Gruppe von Medienkünstlern, Programmierern und Wissenschaftlern für eine öffentliche Auseinandersetzung mit Werken ein, deren Urheberrecht abgelaufen ist. Doch das heisst nicht, dass die gemeinfreien Werke auch gleich öffentlich zugänglich sind. Diese Diskussion um Urheberrechte und Digitalisierung greift «Public Domain» auf, der neue Band aus der Publikationsreihe Edition Digital Culture des Migros-Kulturprozent. Mario Purkathofer, künstlerischer Leiter des Dock 18 – Raum für Medienkulturen der Welt, ist einer der Protagonisten, die dort zu Wort kommen. Anders als Rimini Protokoll interessiert sich Purkathofer nicht für die wahrheitsgetreue Aufführung oder (politisch) korrekte Interpretation eines Werks, vielmehr sucht er nach neuen Formen des Lesens, Hörens und Kontextualisierens. 

Mario Purkathofer, Sie haben eine eigene Ausgabe von «Der Mann ohne Eigenschaften» des 1942 verstorbenen Robert Musil gemacht, indem Sie das Werk in Spiegelschrift setzten. Welches war die Idee hinter dieser Bearbeitung?
Gemeinsam mit Manuel Schmalstieg von Greyscale Press haben wir den ersten Teil des Romans neu ediert und in einer Kleinauflage gedruckt. «Der Mann ohne Eigenschaften» ist ja eine hautnahe Beschreibung der Zeit des damaligen Kaiserreichs und der Befindlichkeiten der Bewohner. Der erste Teil des Werks wurde von Musil abgeschlossen, der zweite liegt nur als Fragment vor: Musil ist noch vor der Fertigstellung gestorben. Zum Buch gibt es einen Spiegel – eine verblüffende Lesemaschine. Der zweite Teil wird von uns als Fragment auf einem USB-Stick mit acht Gigabyte beigelegt.

Damit sind Sie in die Rolle des Verlegers geschlüpft.
Man kann als literarischer Laie eigentlich nur alles falsch machen, wenn man sich das Recht herausnimmt, Weltliteratur neu zu verlegen. Diese Angst haben wir gleich zu Beginn abgelegt. Villö Huszai bezeichnet unsere Überarbeitung im Vorwort als Skulptur. So ist sie auch zu verstehen – eine Skulptur aus Papier in Kleinstauflage mit Typografie, Spiegel und Datenträger. Mithilfe freier Desktop-Publishing-Programme und preiswerter Print-on-Demand-Dienste ist die Herstellung von Büchern heute für jedermann möglich. Musils Werk durch Spiegelung auf den Kopf zu stellen, hat sehr viel Spass gemacht. Spiegel und Spiegelschrift sind simple Werkzeuge, um den Leseprozess zu verlangsamen. So sehen wir uns bei diesem Werk eher als Bildhauer, Typografen und Medienproduzenten denn als klassische Verleger. 

Woher rühren Ihre Faszination und Ihr Engagement für Public Domain?
Historische Werke zu entdecken, remixen, publizieren und in Verbindung zur Gegenwart zu bringen, ist eine spannende Herausforderung. Wer kennt schon Yamauchi Fusajirō, der 1940 gestorben ist? Die Firma, die er gegründet hat, sagt einem schon mehr: Nintendo, der grosse Hersteller von Computerspielen. Zu jener Zeit verkaufte Nintendo noch Spielkarten, sogenannte Hanafuda. Wer weiss, dass Walter Benjamin (gest. 1940) den «Angelus Novus» von Paul Klee (gest. 1940) gekauft hat? Walter Benjamin nutzte das Bild zu vielschichtigen Reflexionen. Oder die Mystiker jener Zeit, etwa Elisàr von Kupffer (gest. 1942): Er gilt als Erfinder der Tarotkarten und verfasste reaktionäre homoerotische Texte. Christa Winsloes (gest. 1944) schrieb die Vorlage zum Film «Mädchen in Uniform» (Uraufführung 1931), in dem es zu einer der legendärsten Kussszenen der Filmgeschichte zwischen zwei Frauen kommt. So schreiben wir eine interdisziplinäre Kulturgeschichte von Film, Malerei, Literatur, Fotografie und Skulptur. Ob die Werke tatsächlich frei sind, ist für mich sekundär.

Sie zeigen die Werke ja nicht einfach, sondern interpretieren sie.
Wir möchten neue Lesarten ausprobieren. Es geht um die Frage, wie Texte, Bilder und Noten mit zeitgenössischen Medien neu aufgeführt oder gelesen werden können. Klassische Interpretationen interessieren uns dabei nur beschränkt. Die Ausführung eines Programms prozessiert die Daten, wir sprechen daher von Prozessierung und Ausführung (execution).

Sie zerlegen die Werke auch. Das dürfte nicht immer auf Gegenliebe stossen.
Der Schweizer Maler Fritz Baumann (gest. 1942) tat alles, um seine Werke vor der Nachwelt zu schützen. Baumann kippte vor seinem Suizid einen beachtlichen Teil seines Gesamtwerks in den Rhein. Man könnte sagen, das sei die beste Variante, um sich vor illegalen Kopien oder Weiterbearbeitungen zu schützen. Wer aber glaubt, dass sein Werk irgendwann vielleicht wichtig oder rentabel wird, sollte schon zu Lebzeiten überlegen, was mit dem Werk nach seinem Tod passieren soll. Wenn man nicht gerade einen Sammler zur Hand hat, stellt man sein Werk besser unter eine freie Lizenz und bringt es so unter die Leute. Zu diesem Zweck haben wir eine Public-Domain-Spenderkarte entwickelt, die man wie einen Organspenderausweis bei sich trägt. So wissen die Nachfahren, wie mit verbliebenen Werken umzugehen ist. Natürlich thematisiert das auch etwas satirisch die aktuelle Hysterie rund um das geistige Eigentum.

Sie müssen Künstler dafür gewinnen, mit diesen Werken zu arbeiten. Auch hier muss Überzeugungsarbeit geleistet werden.
Die heutige Freizeit- und Kreativgesellschaft steckt diesbezüglich in einer seltsamen Situation: Noch nie war es so einfach, bestehende Werke zu bearbeiten. Andererseits haben wir ein restriktives Urheberrecht, welches dies verhindert. Deshalb schrecken viele davor zurück. Die Künstler finden es zudem rückwärtsgewandt, sich mit Werken verstorbener Autoren zu befassen – es gäbe ja genügend Themen in der Gegenwart. Auf der anderen Seite erkennt man in der Beschäftigung mit der Vergangenheit, dass alles zusammenhängt. Mit der Wiederbelebung historischer Werke zelebrieren wir eine Kultur des Remix. Künstler eignen sich eine Technik an und perfektionieren diese. Wir heben die Rolle des Künstlers als Produzent von neuen Werkzeugen hervor, ohne sie darauf zu reduzieren. In vielen zeitgenössischen Werken ist die Technologie eine Herausforderung für den Künstler – eine eigene Technik entwickeln, eine eigene Kunstform, selbstständige Träger von Ideen, Wissen und Emotionen. So laden wir Künstler und Techniker ein, ihre Technologien auf Werke der Public Domain anzuwenden.

Können Sie ein Beispiel geben?
Wir waren weltweit unter den ersten, die eine historische Skulptur mithilfe von 3D-Druckern reproduziert haben: den Frauenakt «Nach dem Bade» des Zürcher Bildhauers Hans Hippele. Wir haben das Werk gescannt und in Originalgrösse ausgedruckt. Danach wurden neue Versionen der Skulptur produziert – in verschiedenen Farb- und Formvarianten. Wir haben etwa die Auflösung verändert: Aus runden Formen wurden kleine Ecken und Kanten. So entstand eine kleine Serie von Badenden.

Sie sind selbst Künstler. Welches Verhältnis haben Sie zu Ihren eigenen Werken? Dürfen diese ebenfalls neu interpretiert werden?
Ich habe verschiedene Kunstformen studiert und empfinde mich als Künstler. Aber ich finde es unnötig, meinen Namen auf einem Werk zu sehen. Meistens publiziere ich unter Pseudonymen, arbeite in kollaborativen Projekten oder berate andere Künstler. Mit der Vernichtung meines Werks durch das Vergessen kann ich gut leben. Muss ein Künstler allerdings von seiner Arbeit den Lebensunterhalt bestreiten, wendet sich das Blatt. Das Urheberrecht dient ja dazu, verschiedene Rechte des Künstlers zu wahren. Ein geregeltes Einkommen sollte aber nicht durch das Urheberrecht definiert werden, sondern unabhängig vom Werk sein. Statistisch gesehen verdienen nur sehr wenige Künstler durch das Urheberrecht, und noch seltener bleibt etwas für die Urenkel bis 70 Jahre nach dem Tod übrig. 


Eine ungekürzte Version dieses Beitrags erscheint Anfang Oktober 2015 im Sammelband «Public Domain», herausgegeben von Dominik Landwehr im Auftrag des Migros-Kulturprozent (Edition Digital Culture, Band 3). Das Werk erscheint im Christoph Merian Verlag.

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