CHARLES ATLAS

17.02.–13.05.2018
Eröffnung: Freitag, 16.02.2018


Seit knapp 50 Jahren zählt der US-amerikanische Künstler Charles Atlas (*1949 in St. Louis, Missouri) mit seinen komplexen Videoinstallationen und wegweisenden filmischen Dokumentationen von Tanz- und Performancekunst zu den wichtigsten Figuren im Bereich Film und Video. Bekanntheit erlangte Atlas im Zuge seiner Zusammenarbeit mit Choreografen wie Merce Cunningham (1919–2009) und Michael Clark (*1962) sowie dem Modedesigner und Performancekünstler Leigh Bowery (1961–1994). Sein künstlerisches Umfeld deckt sich dabei weitgehend mit dem sozialen: Die Arbeiten aus den 1980er und 1990er Jahren sind vielfach Porträts von Weggefährten aus dem New Yorker Underground- und Zeitmilieu, die sich im Kontext der Sub- und Popkultur mit Fragen nach Bio-, Körper- und Identitätspolitik auseinandersetzen. Atlas’ Bildsprache gilt bis heute als wichtige Referenz für jüngere Generationen von Filmemachern; so etwa seine Kameraarbeit für den fiktionalen Dokumentarfilm Hail the New Puritan (1986), in dem die Kamera zum aktiven Gegenüber wird. Bezeichnend für Atlas’ Schaffen ist die permanente Neuauslotung der Ausdrucksmöglichkeiten zeitbasierter Medien. Bereits in den späten 1970er Jahren experimentierte er mit Bildverfremdungsmomenten wie dem Chroma-Key-Verfahren. Die neueren, technisch oft sehr komplexen Videoinstallationen zeichnen sich durch ihren abstrakten Charakter aus und spielen mit einer Ikonografie geometrischer Formen oder Zahlenfolgen. Dabei geht Atlas ebenso Fragen zur Aufteilung und Strukturierung des Bildraums nach wie zeitgenössischen repräsentationspolitischen Überlegungen. Das Migros Museum für Gegenwartskunst zeigt nun die erste institutionelle Einzelausstellung des Künstlers in der Schweiz, welche Werke aus den letzten 20 Jahren vereint, darunter auch eine neue, eigens für die Ausstellung realisierte Arbeit.

Atlas nimmt nicht nur sein engeres soziales Umfeld, sondern ganz allgemein das von ihm Erlebte als Ausgangspunkt seines künstlerischen Schaffens. Massgeblich beeinflusst von der Populärkultur, insbesondere von Hollywood und Fernsehen, stellen seine Werke zu Zeitkapseln verdichtete Erinnerungen und Erfahrungen des Künstlers dar – eine Aktualität, die sich thematisch wie technisch als roter Faden durch sein OEuvre zieht. Die Arbeit Instant Fame! (2003/2006) knüpft an seine filmischen Porträts der 1980er und 1990er Jahre an. Freunde, Bekannte und zufällige Besucher der Galerien in London und New York hatten Gelegenheit, sich vor der und für die Kamera zu inszenieren. Die Mitschnitte wurden von Atlas durch Live-Video-Mixing unmittelbar bearbeitet und gezeigt. In Anlehnung an das Frühwerk werfen die ausgelassenen Szenen die Frage nach einer Identität auf, die hier zwischen Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung oszillierend komponiert wird. Zentral ist dabei ein spielerisches Moment: die Freude an der Selbstinszenierung und das Ausbrechen aus gesellschaftlichen Konventionen. Bei Instant Fame! liess Atlas erstmals den Zufall entscheiden, was sich vor der Kamera abspielen würde.

Den Zufall als Kontrollverlust thematisierte Atlas in der Arbeit Institute for Turbulence Research (2008) die für seine Einzelausstellung Tornado Warning entstand – eine Reminiszenz an die Tornadowarnungen und die damit verbundenen Ängste, die seine Kindheit im Mittleren Westen prägten. Atlas bricht hier die für ihn charakteristische, geordnete Strukturierung des Bildraums auf: Er projiziert in sich rotierende Bildelemente schief auf Wände und transparente Bildflächen, so dass sich die verschiedenen teils hologrammartigen Projektionen zu einem verstörenden Strudel visueller Eindrücke zusammenfügen, der von düsterer Musik untermalt wird. Diesem bedrückenden Chaos wird mit Plato’s Alley (2008) eine vermeintliche Ordnung ergänzend gegenübergestellt. Ganz in Schwarz-Weiss gehalten, dehnen sich geometrische Formen langsam über den Bildraum aus und ziehen sich wieder zusammen, um durch Zahlenfolgen abgelöst zu werden. Eine numerische Systematik, die Struktur und Kontrolle verspricht, wobei offenbleibt, ob diese Versprechen auch eingelöst wird. Plato’s Alley ist Atlas’ erste Arbeit, die bewusst nicht das (Zwischen-)Menschliche behandelt und steht als Stummfilm der Arbeit Institute for Turbulence Research als komplementäre Ergänzung gegenüber.

Mit der Arbeit Glacier (2013) reproduziert Atlas die immersive Wirkung der alltäglichen Bilderflut innerhalb einer ortsspezifischen 360-Grad-Installation. Das Publikum wird eingeladen sich zwischen Videosequenzen von Menschenmengen auf Fussgängerwegen, Naturbildern und industriellen Produktionsszenarien zu verlieren. Nahtlos fügt sich das Bildmaterial zu einem visuell harmonischen Gesamterlebnis, dessen Sinngehalt offenbleibt. Eine Austauschbarkeit, die auf die Herkunft der verwendeten Videos verweist. Atlas arbeitete hier ausschliesslich mit Fundmaterial, hauptsächlich aus den Archiven des Informationsdienstleistungs- und Medienunternehmens Bloomberg, dem Auftraggeber der Arbeit. Als digitaler Datenlieferant verfügt das Unternehmen über einen riesigen Fundus generischen Bildmaterials, das in den unterschiedlichsten Kontexten zum Einsatz kommt. Bilder und Videos als Teil unserer Informationskultur sind nicht mehr als ästhetische Platzhalter, die von dem Unternehmen gewinnbringend verwaltet und gehandelt werden. Die als glaubwürdig erachtete Indexikalität des Bildmaterials wird angesichts einer solchen Praxis als Illusion entlarvt.

Raphael Gygax ist Kurator der Ausstellung, in deren Rahmen im zweiten Halbjahr 2018 bei JRP|Ringier eine monografische Publikation erscheint.

Charles Atlas lebt und arbeitet in New York. Seine Arbeiten waren im Lauf der letzten Jahrzehnte in zahlreichen internationalen Ausstellungen präsent, zuletzt u.a. im Museum of Modern Art, New York (2017), Walker Art Center, Minneapolis (2017), Whitney Museum of American Art, New York (2016) und in der Tate Modern, London (2013). Für seinen Beitrag zur 57. Biennale Venedig 2017 wurde ihm der Special Mention Award verliehen.

Artist’s Talk: Charles Atlas

Montag, 19. Februar 2018, 18 Uhr, Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)

Screenings

Ergänzend zur Ausstellung finden drei Screenings statt, welche die filmische Vielfalt von Atlas’ OEuvre verdeutlichen. Im Fokus stehen die Zusammenarbeit mit Merce Cunningham und die daraus entstandenen richtungsweisenden Tanz-Dokumentationen sowie Atlas’ Weggefährten des New Yorker Underground der 1980er und 1990er Jahre. Den Höhepunkt bildet die Vorführung seiner ikonischen Arbeit Hail the New Puritan (1986) in der er die Tanzperformances des Hauptdarstellers Michael Clark auf einzigartige Weise mit der fiktiv-dokumentarischen Handlung des Films verwebt.

Das Filmprogramm wurde von der Kunsthistorikerin Elsa Himmer zusammengestellt.

Donnerstag, 1. März 2018, 18.30 Uhr
Kurzfilmprogramm «Documentation of Dance»
Mit einer Einführung von Elsa Himmer
Migros Museum für Gegenwartskunst, Eintritt frei

Donnerstag, 12. April 2018, 18.30 Uhr
Kurzfilmprogramm «New York Underground»
Mit einer Einführung von Elsa Himmer
Migros Museum für Gegenwartskunst, Eintritt frei

Mittwoch, 18. April 2018, 18.30 Uhr
Hail the New Puritan (1986, 85 Min.)
Mit einer Einführung von Martin Jaeggi (Autor, Kurator und Dozent)
Riffraff Kino, CHF 18.– (Vorverkauf / Abendkasse, riffraff.ch)

Medienkonferenz:

16.02.2018, 11 Uhr

Presse:

Für weitere Informationen und Bildmaterial wenden Sie sich bitte an René Müller, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: rene.mueller@mgb.ch T +41 44 277 27 27

Download Medieninformationen

Medienmitteilung vom 14.12.2017 – CHARLES ATLAS


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