Marina Viotti


«Mein Traum ist es, solange wie möglich und immer mit Lust zu singen und niemals eine Beamtin des Gesangs zu werden. Ich möchte weiterhin Opernrollen verkörpern, denn ich liebe es, die Augen als Marina zu schliessen und sie – mit Maske, Perücke und Kostüm – als eine Andere wieder zu öffnen.

Meine Ziele

«Mein Traum ist es, solange wie möglich und immer mit Lust zu singen und niemals eine Beamtin des Gesangs zu werden. Ich möchte weiterhin Opernrollen verkörpern, denn ich liebe es, die Augen als Marina zu schliessen und sie – mit Maske, Perücke und Kostüm – als eine Andere wieder zu öffnen. Diese ständig sich erneuernde Herausforderung fesselt mich. Es gefällt mir auch, Rezitale zu singen, das Programm und Thema selbst zu erstellen. Ich geniesse diese Freiheit und die Nähe zu den Menschen. Ich wünsche mir, die gesellschaftlichen und mentalen Barrieren zu überwinden, indem sich klassische Musik für ein breiteres Publikum öffnet. Das ist eine Aufgabe und ein Ideal, das ich verteidigen möchte. Und zuletzt, ‹qui va piano va sano›, möchte ich mir Zeit lassen und nicht zu viel zu früh und zu schnell machen. Weniger machen, aber das gut. Im Idealfall halten sich Berufs-und Privatleben die Waage.»

Biografie

Nach einem Diplom in Querflöte sowie Hochschulabschlüssen in Literaturwissenschaft und Philosophie entdeckt Marina Viotti den Jazz, Gospel und Metal für sich. 2010 nimmt sie ihre Gesangsausbildung bei Heidi Brunner in Wien auf. Mit dem Ziel eines Masterabschlusses als Gesangssolistin erhält Viotti ab 2013 Gesangsunterricht bei Brigitte Balleys an der HEMU Lausanne. Zusätzlich bildet sie sich im Bereich des Belcanto bei Raúl Gimenez weiter.

Als Solistin sang Viotti «Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze» (Haydn), die «Messe in C-Dur» sowie die «9. Sinfonie» (Beethoven), «Kindertotenlieder» und den Liedzyklus «Lieder eines fahrenden Gesellen» (Mahler), «Der Rose Pilgerfahrt» (Schumann), «Petite Messe Solennelle» (Rossini), die «Messa da Requiem» (Verdi), «El amor brujo» (De Falla), «Poème de l'amour et de la mer» (Chausson), «Wesendoncklieder» (Wagner) und die «Große Messe in c-moll» (Mozart).

In der Saison 2018/19 gibt sie in der Rolle der Maddalena in «Rigoletto» ihren ersten Auftritt am Opernhaus Zürich sowie ihr Debut in der Titelpartie in «Die Grossherzogin von Gérolstein» am Luzerner Theater, an dem sie zuvor u. a. in «Flow My Tears – Das letzte Fest», als Elisabetta («Maria Stuarda») und als Isabella in «L’italiana in Algeri» Erfolge verzeichnete. Diesen Engagements gingen Auftritte als Rosina («Der Barbier von Sevilla») sowie als Olga («Eugène Onegin») an der Opéra national du Rhin ebenso wie Auftritte als Marthe («Faust») am Grand Théâtre de Genève voraus. Zudem ist sie regelmässig an der Opéra de Lausanne und beim Festival Rossini in Wildbad zu erleben.

Mit ihrem Rezital «Love has no borders» (Piano, Saxofon und Kontrabass) tritt sie an Festivals in der ganzen Welt auf.

 

Repertoireschwerpunkte

Französisches Chanson, Russisches und Deutsches Lied; Crossover-Sparte (Kurt Weill, Bernstein); neben Partien für Mezzosopran erlaubt Viottis warmes und dunkles Timbre, auch solche für Alt in der sakralen Musik anzustimmen.

 

Auszeichnungen

  • 2018: Finalistin in der Operalia World Opera Competition, Portugal 
  • 2017: 1. Preis sowie Publikumspreis beim Kattenburg Wettbewerb in Lausanne
  • 2016: 3. Preis am Geneva International Music Wettbewerb 
  • 2016: Leenaards-Stipendium
  • 2016: Stipendium der Weltner-Stiftung
  • 2015: International Belcanto Prize
  • 2015: Studienpreis des Migros-Kulturprozent
  • 2014: Studienpreis des Migros-Kulturprozent
  • 2014: Mosetti-Stipendium
  • 2014: Internationaler Gesangswettbewerb Mâcon, 1. Preis und Preis der Musiker

Presse

www.forumopera.com (22.7.2017)
operatraveller (15.7.2017)
www.24heures.ch (21.3.2017)
Pforzheimer Zeitung (21.7.2015)
www.forumopera.com (19.11.2014)
Le Journal de Saône et Loire (17.11.2014)
www.musicologie.org (16.11.2014)

Operntalent mit Wurzeln im Metal

Talent des Monats

1. Juli 2015, Pascaline Sordet

Nach einer Kindheit im Orchestergraben, wird Marina Viotti zunächst Sängerin einer Symphonic-Metal-Band, bevor sie zurück zur Oper findet. Die Studienpreisträgerin des Migros-Kulturprozent erzählt von ihren Wegen durch die Musikstile.

Gewöhnlich führen alle Wege nach Rom – in Marina Viottis Fall führen sie zur Oper. Wenn Viotti von ihrer Laufbahn erzählt, zeigt sich, dass Symphonic-Metal und lyrischer Gesang sich sehr gut vertragen können: Die Sängerin macht vor, dass die Grenze zwischen den beiden Genres durchlässiger ist, als angenommen. Am Rockzipfel ihrer Eltern zieht sie als Kind durch Konzertsäle in ganz Europa. Mit acht Jahren ist sie sich sicher, dass sie eines Tages ebenfalls singen wird. Doch noch ist sie zu jung. So nimmt sie zunächst Querflötenunterricht und lernt dabei die gleiche Atemtechnik, die sie später für den Gesang benötigt.

Als sie mit 18 Jahren alt genug wäre, zur Stimme zu wechseln, gibt sie plötzlich alles auf: «Ich hatte keine Lust mehr.» Aus Diskretion erwähnt sie nicht, dass ihr Vater – ein Dirigent – damals gestorben ist. Die klassische Musik ist für sie nunmehr mit Schmerz verbunden und so schlägt sie mit einer literarischen Ausbildung in Lyon einen neuen Weg ein. Der Virus der Musik lässt sie allerdings nicht los und erwischt sie in Gestalt einer Symphonic-Metal-Band (deren Namen sie uns nicht verraten wollte). 

Die Diskrepanz zwischen der Welt ihrer Kindheit und dem frühen Erwachsenenalter scheint unüberwindlich. Doch Marina Viotti sagt, sie habe dadurch die Freiheit für sich entdeckt und die Möglichkeit, Texte zu schreiben und Lieder zu komponieren: «Es gab viel kreativen Austausch und starke Bühnenbegegnungen. Das Metal-Milieu hat ein schlechtes Image, obwohl sich in dieser Szene eigentlich sehr offene Menschen bewegen – es ist wie eine grosse Familie.» Die beiden Welten hätten durchaus Gemeinsamkeiten: «Man interessiert sich sehr für die Antike, das Mittelalter, für Wagner.» Im Übrigen wird Symphonic-Metal oft von klassisch ausgebildeten Musikern gespielt. Marina Viotti findet dort einen kreativen Raum, der ihr entspricht: «Mir gefällt, dass Äusserlichkeiten keine Rolle spielten. Das einzig Wichtige ist die Energie.»

Abstecher nach Wien

Nach mehreren Jahren auf der Bühne, hatte Viotti den Eindruck, stimmlich keine Fortschritte mehr zu machen. «Und ausserdem kann man vom Metal nicht leben», gibt sie zu. Als sie für ein Kammermusikfestival arbeitet, kommt sie wieder mit klassischer Musik auf Tuchfühlung und stellt fest, wie sehr ihr dieses Genre gefehlt hat: «Das war ein richtiger Schock.» Sie zieht nach Marseille, um eine Ausbildung als Chordirigentin aufzunehmen. Bald sagt man ihr, dass sie besser singe als dirigiere. Und so holt sie der Gesang wieder ein.

Mit 23 Jahren fühlt sich Viotti zu alt, um noch ein Gesangsstudium zu beginnen. Ausserdem läuft es gut für ihre Metal-Band – sie zögert, will nicht alles aufgeben. Da es aber nicht ihre Art ist, vor Herausforderungen zurückzuschrecken, geht sie nach Wien, wo auch ihr Bruder lebt, um eine Gesangslehrerin zu treffen. «Ich bin mit meinem Gothik-Look aufgetaucht», lacht sie. «Das ist nicht gerade üblich. Es gibt in Österreich zwar viele Metal-Anhänger, aber man sieht sie nicht ständig auf der Strasse.» Sie lächelt heute darüber. Damals passte sie ihren Look an. Die Piercings sind verschwunden, geblieben ist nur das schwarze Haar. 

Wien wird, eher ungewollt, zu ihrer Wahlheimat. Viotti entdeckt lyrische Gesangtechniken, mit denen sie auf der Bühne ihre Stimme schonen kann. In ihrem Alter fängt normalerweise der Berufsweg an. «Es gibt viele Sängerinnen , die ihre Bühnenkarriere mit 24 Jahren beginnen, obwohl das zu früh ist. Sie stehen hoch im Kurs, machen ihre Stimme und ihren Körper jedoch innerhalb weniger Jahre kaputt, weil sie psychisch und physisch noch nicht so weit sind.» Das kann Marina Viotti mit ihrer tiefen Stimmlage und ihrem verzweigten Werdegang nicht passieren. Ihr Ziel ist es, lange Zeit zu bestehen.

Schweizer Ausbildung

Zwei Jahre konzentriert sie sich nur auf die Gesangstechnik. In Wien fühlt sie sich aber unglücklich. Sie leidet unter dem Wettbewerbsdruck, ihr fehlt ein Netzwerk, auch die Mentalität gefällt ihr nicht. Als sie schliesslich in die Schweiz zieht, ist sie 26 Jahre alt und sie verpasst die Aufnahmeprüfungen für die Musikhochschulen. Doch sie findet eine offene Institution, die sie trotz abgelaufener Fristen zur Aufnahmeprüfung zulässt und ihr einen Masterstudienplatz zuspricht. 

Da sie ohne Geld in die Schweiz gekommen ist, wird ihr Alltag bald kompliziert. Auf den Rat ihrer Lehrer bewirbt sie sich am Opernhaus Lausanne und bekommt in weniger als einem Monat einen Termin zum Vorsingen. «Verglichen mit Österreich finde ich die Einfachheit, mit der man in der Schweiz empfangen wird und vorsprechen kann, unglaublich.» Ihre ersten Engagements helfen, zu überleben. Zudem gewinnt sie 2014 und 2015 den Studienpreis des Migros-Kulturprozent: «Das ist eine grosse Erleichterung für mich.» Nun kann sie sich endlich ganz dem Gesang widmen. 

Das erste Projekt an der Hochschule ist eine Gospelarbeit über Duke Ellington. Sie ist überzeugt, sich an diesem Tag im Raum oder in der Uhrzeit geirrt zu haben – aber nein! Und sie ist begeistert: «Das ist genau das, was mir gefällt: Mauern einreissen!» Die Klangfreiheit, die Aufgeschlossenheit gegenüber verschiedenen Musikstilen stehen im Zentrum ihrer Laufbahn. Diesem roten Faden will sie auch in Zukunft folgen: «Ich möchte verschiedene Szenen vereinen und mentale Barrieren zu Fall bringen.» Die Besucher von Metal-Konzerten und das Opernpublikum sind sich nicht sehr ähnlich. Wo die einen sehr treu sind, sind die anderen anspruchsvoll. Das schätzt die Musikerin im Übrigen: «Das spornt mich an, Fortschritte zu machen.» 

Den Stil wechseln

Fehlt ihr der Metal? Offensichtlich nicht: «Ich verzettele mich nicht mehr, ich habe etwas gefunden, das alles vereint: Forschung, Literatur und Musik.» Allerdings ist es Viotti schwer gefallen, die Band zu verlassen. Die andern Mitglieder haben keine neue Sängerin gefunden und sind wieder in ihr altes Leben zurückgekehrt, Familienväter geworden. «Ein echter Bruch ist wahrscheinlich am besten», meint sie. Und zeigt sich zufrieden mit der Entscheidung, der sie ihr heutiges Leben verdankt. Gerührt erzählt sie, dass ein Teil ihres ehemaligen Publikums und Freundeskreises letztes Jahr zum Internationalen Gesangswettbewerb nach Mâcon gekommen sei, um sie singen zu hören. Ein weiterer Beweis für die Offenheit der Metal-Szene. 

An der Oper muss Marina Viotti wieder in die Welt ihrer Kindheit zurückfinden: in die Ernsthaftigkeit der Proben und des Publikums. «Die Oper ist ein sehr stiller Ort. Das war anfangs sehr seltsam, die Menschen schreien nicht. Der Austausch war plötzlich ein ganz anderer.» Sie lacht darüber, mit ein bisschen Nostalgie in der Stimme, aber ohne Reue. Sie ist schliesslich  nicht alleine: Oft treffe sie im lyrischen Umfeld ehemalige Metal-Anhänger. Mehr als sie sich erwartet hätte. So ist die Musik, in ihren klar definierten Kategorien, offener und durchlässiger, als es den Anschein hat. 

Marina Viotti auf der Talentplattform des Migros-Kulturprozent

Concours de Genève, Geneva International Music Competition, Voice Semifinals, 2016

 

 

«Parto, Parto», aria de Sesto (Mozart)

 

 

Aria from Malcolm «Mura Felici» (Donna del Lago, Rossini), Concours de Geneve, Finale, 2016

 

 

Crude Furie degli orridi abissi aus «Xerxes» (Händel)

 

 


«La chanson des vieux amants» von J. Brel

 

 


«El amor Brujo» von De Falla (extracts live in Lugano, 2015)

 

 


Tchaikovsky «op.6», No. 1

 

 

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